Koreanische Zeitreise

Dreib alte koreanische Tempel an einem See im Sonnenuntergang
Nirgendwo sonst ist die koreanische Geschichte so opulent und so greifbar nah wie in der ehemaligen Hauptstadt Gyeongju. Foto: daecheol/iStock

Eigentlich müsste man sich Gyeongjus schrägste Sehenswürdigkeit zum ersten Mal nachts ansehen: Mit kritzegrünem Gras bewachsen ragen die Tumuli-Grabhügel gut 10 Meter hoch mitten in der Stadt aus dem Boden und wirken, hell beleuchtet, fast ein wenig außerirdisch.

Im Zentrum des Silla-Reichs

Gut 50 Stück gibt es davon in der Stadt, alleine 23 im zentralen Tumuli-Park Daereungwon, und unter jedem liegt ein König der Silla-Dynastie begraben. Natürlich lohnt sich auch ein weiterer Besuch am Tag – zum Beispiel, um das Grab des Himmlischen Pferdes Cheonmachong zu besichtigen: Diese Anlage wurde im Jahr 1970 geöffnet, im Inneren kann man seither Grabbeigaben und die Konstruktion des Grabhügels bestaunen.

Dass Gyeongju wohl eine historisch wichtige Stadt ist, merkt auch der unbedarfte Ausländer auf den ersten Blick: Museum ohne Mauern nennen die Koreaner sie: Tausende, traditionelle Holzhäuser – und vor allem, kein einziges Hochhaus, das die Harmonie stören könnte.

Im Westen eher unbekannt, ist die Stadt quasi das koreanische Pendant zum japanischen Kyoto: Jede Menge geballte Geschichte und Kultur, und das auch noch in gutem Zustand. Rund tausend Jahre (57 vor Christus bis 935 nach Christus) war die kleine Stadt im Südosten des Landes Hauptstadt des Silla-Reichs. Nirgendwo sonst ist die koreanische Geschichte so opulent und so greifbar nah. Bis zu einer Million Menschen sollen einstmals in Gyeongju gewohnt haben. Erst im zehnten Jahrhundert wendete sich das Blatt: Gaeseong löste Gyeongju als Hauptstadt ab.

Die Tumuli sind nicht der einzige Höhepunkt: Mit dem Bulguksa liegt auch einer der wichtigsten Tempel Koreas in Gyeongju. Idyllisch und ruhig ist die 1.500 Jahre alte Anlage, wenn nicht gerade eine Schulklasse durch den Tempel tobt.

Einige Gehminuten oberhalb des Tempels liegt die Höhlengrotte ­Seokguram aus dem 8. Jahrhundert, die quasi einen eigenen Wecker mitbringt: Das Gewölbe wurde so gebaut, dass der erste Sonnenstrahl am Morgen auf das Gesicht des Buddhas scheint.

Wer nach dem historischen Spaziergang durch Gyeongju abends über die zentrale Fußgängerzone Hwannidan-gil schlendert, bekommt die Traditionen auch noch einmal greifbar vorgeführt: Immer wieder warten zwischen den Restaurants und Cafés auch Schamaninnen auf Kundschaft – und ihre Dienste sind gefragt.

Blick in die Zukunft

Mangelndes Englisch ist dabei kein Hindernis: Wozu gibt es Übersetzungs-Apps? Für einen Blick in die Zukunft reichen sie allemal aus.

Wer die Schamaninnen ganz ohne Kommerz in Action erleben will, fährt mit dem Bus aus der Stadt ans Meer. Über Dörfer und einsame Landstraßen, rund 40 km bis zum Bonggil Beach. Immer wieder findet man am einsamen Kiesstrand Kerzenreste, kleine Opfergaben und vor allem ältere Frauen, die dem König Munmu opfern. Der mächtige Herrscher aus dem siebten Jahrhundert soll an einem Felsen im Meer vor dem Strand begraben sein und auch aus dem Jenseits noch seine Fäden ziehen. Manchmal reicht die Geschichte sogar in Korea bis in die Gegenwart.

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