Laufen, laufen, laufen!

Aktive Touristen können in der Granitz wandern oder radeln. Foto: pa
Aktive Touristen können in der Granitz wandern oder radeln. Foto: pa
Kümmert sich um die Umwelterziehung der Touristen: Jägermeister Gerhard Munder. Foto: pa
Kümmert sich um die Umwelterziehung der Touristen: Jägermeister Gerhard Munder. Foto: pa

„Nesthäkchen“ hätte man auch in Binz drehen können. So fein, so rein, so weiß präsentiert sich das Ostseebad auf der Insel Rügen, dass es für die Verfilmung der bekannten Backfischromane perfekt gewesen wäre. Perfekt als Kulisse für die Geschichte, die Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, als Kindern noch der Strand und nicht das Internet als liebste Spielwiese galt.

Die drei Kilometer lange Strandpromenade von Binz ist mit Villen reich bestückt. Viele davon zeigen Jugendstilvillen und sehen mit Rosetten, Ornamenten und feinziselierten Holzveranden wie riesige Puppenhäuser aus. Püppisch mutet auch der Rasende Roland an: Nicht ganz so klein wie eine Spielzeugeisenbahn, aber unwesentlich schneller tuckert der Zug über die Insel. Er schafft um die 30 Kilometer pro Stunde, das ist ein prima Sightseeing-Tempo. Deswegen ist der Rasende Roland eine gefragte Besucherattraktion.

Den Tourismusverantwortlichen ist daran gelegen, Rügens Reinheit zu bewahren. Schließlich bildet sie das Image, mit dem sich die Ostsee-Insel vermarktet, und das recht erfolgreich. Zwar spielte der Destination im vergangenen Jahr die Vogelgrippe übel mit. Oder genauer, der Medienwirbel um die Seuche. Doch schon in diesem Jahr ließ sich der Knick glätten. Bernd Fischer, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern, berichtet von zweistelligen Steigerungen. Für die Insel Rügen ist der Fremdenverkehr mittlerweile die wichtigste Einnahmequelle. Allein in Binz stehen 12.000 Gästebetten bereit, die ganzjährig gut belegt sind. Die örtlichen Hoteliers berichten von 80 Prozent Auslastung. Ein Traum.

Mildes Reizklima, unbefleckte Natur und Sonnenschein satt – auf diese Stärken berufen sich die Rügen-Werber. „Die Sonne ist die Universalarznei der Himmelsapotheke“, wird in den Broschüren der Schriftsteller August von Kotzebue zitiert. Seit Jahren schon dürfen die Binzer an den Stränden die „Blaue Flagge“ hissen. Das internationale Gütesiegel bürgt für exzellente Strand- und Wasserqualität.

Auch Touristen sollen für einen schonenden Umgang mit der Natur sensibilisiert werden. Am besten geht das, findet Jägermeister Gerhard Munder, indem man sie für die Schönheit der Insel begeistert. „Die Leute sollen laufen, laufen, laufen, um unsere tollen Wälder zu sehen“, sagt der Mann in Dunkelgrün. Munders Revier ist die Granitz, einer der größten zusammenhängenden Buchenwälder Europas. Aus Leidenschaft führt er Fremde in Flora und Fauna und die Regeln der Jagd ein. Dam- und Rehwild gebe es hier – und Wildschweine wie Sand am Meer. Allein in der vergangenen Saison seien mehr als 2.000 zum Abschuss freigegeben worden. Eine Gefahr für Touristen stelle die Jagd nicht dar, winkt Munder ab. „Bei uns ist noch nie einer mit einem Schwein verwechselt worden.“

Schwarzer Humor hier, eine Anekdote dort und dazwischen Jägerlatein – so geht es mit Munder gemächlich durch den Wald. Der Laie lernt, was ein Überläufer ist – ein junges Wildschwein – und wie der „Hegeschuss“ funktioniert. Bei dieser Jagdweise hilft der Mensch der Survival-of-the-fittest-Evolutionstheorie nach, indem er alte und schwache Tiere zugunsten eines „gesunden“ Wildbestands abknallt. Touristen dürfen auf Rügen nicht abdrücken. Jagdtourismus wird hier abgelehnt: „Das ist keine ehrliche Jagd“, sagt Munder.

Aus dem Wald geht es hinauf zum Jagdschloss Granitz. Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ist heute ein Museum. Wildschweinschnauzen ragen von den Wänden, es gibt Wechselausstellungen und Kronleuchter aus Geweihen zu sehen. Im 38 Meter hohen Turm schneckt sich ein gusseisernes Treppchen nach oben.

Auch der Landestourismusverband von Mecklenburg-Vorpommern macht sich für die „Umwelterziehung“ der Urlauber stark, wie es Geschäftsführer Fischer formuliert. So wurde jetzt eine „Waldaktie“ eingeführt, mit der sich Reisen nach Mecklenburg-Vorpommern CO2-neutral gestalten lassen. Die Aktie kostet zehn Euro und wird in die Anpflanzung von „Tourismuswäldern“ investiert. Die Ergebnisse können unter www.tourismuswald.de begutachtet werden. „Umweltbewusstes Reisen wird immer stärker nachgefragt“, sagt Fischer. Gerade die wichtige Zielgruppe Familie lege Wert auf eine intakte Natur.

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