Northwest Territories: Urviecher auf Banks Island

Urzeitliche Gigantenten: Mit Glück kommt man einer Herde von Moschusochsen nahe. Foto: hs

Sie haben sich in eine Gegend gerettet, die bis heute so aussieht, als habe der liebe Gott mit der Schöpfung gerade erst begonnen: zottelige Wesen aus der Urzeit, mit ihrer buschigen Wolle voluminös wie ein Elefant, mit ihrem gewaltigen Kopf mit mächtigen Hörnern bedrohlich, bis zu anderthalb Meter hoch und zweieinhalb Meter lang. Sie führen das Wort Ochsen im Namen und gehören biologisch doch zur Familie der Ziegen – und sind so etwas wie lebende Grüße aus der Urzeit. Sie weiden auf einer Insel fast so groß wie Irland in der Hohen Arktis der kanadischen Northwest Territories.
120 Einwohner und kein Asphalt
Nirgendwo gibt es so viele Moschusochsen wie auf Banks Island – einem Stück Land im eisigen Ozean mit nur 120 Einwohnern, mit weniger als acht Straßenkilometern und ohne auch nur einen Quadratmeter Asphalt. Wer auf sommerliche Moschusochsen-Safari gehen will, braucht Leute wie Roger Kuptana. Einen, der jeden Wind deuten, aus jeder Wolke das Wetter lesen kann, Fährten erkennt, die Tiefe jedes Flusses zu jeder Jahreszeit weiß und die Strömungen einschätzen kann.
Mit Tempo 50 brettert er auf seinem Quad über die schmale Hügelkette, hinunter in eine Senke, durchquert immer wieder namenlose Flüsse, versinkt zur Hälfte mit dem Gefährt im Wasser. Und wie ein Amphibienfahrzeug stampft es zum gegenüberliegenden Ufer und pflügt dort weiter – und hinter ihm her eine Fotosafari-Gruppe ebenfalls auf Quads.
„Fahrt über Geröll, fahrt im Flussbett! Überrollt so wenig Moose wie möglich und noch weniger Blumen. Sie sind unser ganzer Stolz“, sagt er. Für drei Wochen im Hochsommer blüht die Arktis, und es ist, als schieße unter der Sonne die reine Lebensfreude gen Himmel, ehe der Winter wiederkehrt.
Und plötzlich heben sie sich als gewaltige schwarze Brocken gegen das Weißblau des Horizonts ab, die größten Bullen bis zu 400 Kilo schwer. Diesmal sind es 14 Tiere, darunter Kälber, die tapsig um die Älteren herumspringen. Roger ist längst langsamer gefahren, gibt jetzt das Signal zum Stoppen in einer Senke, flüstert sogar: „Wir gehen besser zu Fuß weiter. Wir haben Gegenwind, mit Glück können wir uns heranschleichen.“
Es sind gewaltige Schädel, voller Wolle, mit riesigen Hörnern, die aus den Schläfen zu wachsen scheinen: Die Moschusochsen haben ihre Köpfe bedrohlich gesenkt. Und es sieht nicht so aus, als wäre es eine gute Idee, mit ihnen Streit anzufangen. „Sie sind normalerweise ungefährlich“, erklärt Roger. „Es sind Fluchttiere. Das Spektakel ist Drohkulisse.“
Gibt es auch Mammuts?
Bis auf 30 Meter lassen sie die Fremden diesmal heran, ehe erst die Kälber davonrennen und dann die Wachformation den Rückzug antritt – um 50 Meter weiter aus vollem Galopp umzudrehen und wieder Aufstellung zu nehmen.
Ob Roger bei seinen Touren mal Mammuts gesehen hat? „Viele Male“, antwortet er, als wäre die Frage völlig normal. „Aber immer nur die Knochen, manchmal einen Stoßzahn.“ Und nie ein lebendes Exemplar? „Noch nicht“, sagt er. Es ist, als wollte er nichts wirklich ausschließen. Nicht hier oben. Nicht dort, wo die Natur regiert. Nicht in der Versuchsküche des lieben Gottes auf der Kuppe des Planeten.

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