Die drei Weisen von Raiatea

Eins der „Motus“, der unbewohnten Inseln in der Lagune von Raiatea. Foto: bel
Die Insel Raiatea ist eine wahre Südsee-Schönheit. Foto: CampPhoto/istockphoto
Die Insel Raiatea ist eine wahre Südsee-Schönheit. Foto: CampPhoto/istockphoto

Vieles im Inselstaat Französisch-Polynesien ist zum Weinen schön. Die Bergzacken und Strände von Tahiti, Bora Bora und Moorea oder die 115 weiteren traumhaft schönen Inseln, umgeben von türkisblauen Lagunen. Die Tänze der kunstvoll tätowierten Inselbewohner mit blütengeschmückten Häuptern. Dazu polyphone Gesänge, begleitet von Trommeln und Ukulele. 
Der archäologische Freilufttempel „Marae Taputapuatea“, der die Insel Raiatea als spirituelles Zentrum Polynesiens ausweist, erschließt sich dagegen nicht so ohne Weiteres. Er ist seit 2017 das erste Unesco-Welterbe Französisch-Polynesiens. Seine Magie muss man sich erst erarbeiten.
Wer den mit Basaltsteinen gepflasterten Platz mit einigen aufrechten Korallenblöcken betritt, muss seine Fantasie bemühen, um dort den vorkolonialen König auftreten zu sehen mit seinem blumengeschmückten Hofstaat. Oder er muss die drei Weisen von Raiatea treffen.
„Mou’a tei ni’a, Tea’etapu“, rezitiert Maraehau Tavaearii. „Der Berg, der sich über uns erhebt, heißt Tea’etapu.“ Der alte Mann spricht Formeln, die vielleicht schon in Gebrauch waren, als James Cook 1769 als erster Europäer hier eintraf.
 „Papa“ Maraehau fährt fort: „Auf dem Berg setzte der Meeresgott Tangaroa seinen Fuß in die Welt, nachdem er sie erschaffen hatte, und erschuf den Ur-Tempel.“
Maraehau begleiten sein Bruder Timiona und Toni Hiro. Alle drei sind Nachfahren des früheren Herrschergeschlechts von Raiatea.
Der Komplex umfasst zwei Täler, die einst von Häuptlingshäusern und 83 Tempeln geprägt waren. Ein Ort, an dem die Lebenden in Kontakt traten mit Göttern und Toten.
„Auf dem Plateau versammelte sich vom 14. bis ins 19. Jahrhundert das Volk der Tausende Kilometer voneinander entfernten Inseln bei politischen und religiösen Treffen“, erklärt Maraehau. Von hier kamen die Riten um den Kriegs- und Fruchtbarkeitsgott Oro, die in Ost-Polynesien verbreitet wurden. Hier erhielten Prinzen die spirituelle Macht, neues Land zu erobern. Einen Stein vom Tempel nahmen sie mit. Er wurde zum Grundstein neuer Kultstätten, von den Tuamotu-, Austral- und Cook- Inseln bis nach Neuseeland. 
Seit den 1970er Jahren leben die Pilgerfahrten wieder auf, wie im Jahr 1995, als aus Hawaii, Neuseeland und Fiji Nachbauten der traditionellen Doppelrumpfkanus eintrafen. Oder wie 2011, als man Delegationen aus Hawaii und von den Cook-Inseln empfing.
Maraehau lehnt sich an eine der beiden Basaltsäulen und sagt: „Und hier wurden die Menschenopfer geköpft!“ Der Alte lacht wie ein kleiner Junge, der flunkert. Aber es ist wohl wahr, selbst James Cook hat ein solches Ritual beobachtet. Bei der internationalen Versammlung wurden laut Maraehau jedes Jahr zwei Menschen geopfert.

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