Tausend Treppen, tausend Eindrücke

Blick über das Meer über die von der untergehenden Sonne orange angestrahlten Häuser des Städtchens Sibenik in Dalmatien
Schöner Tagesausklang: Sibenik im Licht der untergehenden Sonne. Foto: jt
Detailaufnahme von Fries aus hellen Stein mit drei Kopfen mit individuellen Gesichtszügen und Kopfbedeckungen
Genau 71 Köpfe von Stadtbürgern aus dem 15. Jahrhundert sind an der Kathedrale zu sehen. Foto: jt
Treppe aus hellen Stein, auf der zwei Frauen hinaufgehen, führt hinauf zu Kathedrale und Häusern, ebenfalls aus hellem Stein auf Platz
Genau 71 Köpfe von Stadtbürgern aus dem 15. Jahrhundert sind an der Kathedrale zu sehen. Foto: jt

Nicht immer sind die Porträts schmeichelhaft. Der hat einen Silberblick, der andere lässt die Mundwinkel hängen, der dritte wirkt mit seinem offenstehenden Mund dümmlich. Der Fries mit den 71 gemeißelten Köpfen ist wohl das ungewöhnlichste ­Element an der Kathedrale von Sibenik. Es sind Darstellungen von Stadtbürgern im 15. Jahrhundert. Für den Bau des Gotteshauses wurde viel Geld benötigt, und wer zu geizig mit dem Spendengeld war, kann man auch 600 Jahre später noch gut erkennen.

Rund 100 Jahre nahm der Bau der Kathedrale, die zum Unesco-Welterbe zählt, in Anspruch, ­so dass man an ihr gut den Übergang vom gotischen Baustil zur Renaissance sehen kann. ­Bemerkenswert ist auch das Portal an der Nordseite: Zwei Löwen tragen Stützsäulen mit den ­Figuren von Adam und Eva, die ob ihrer Nacktheit beschämt wirken.

Der angrenzende Domplatz mit seinen blank­gelaufenen Marmorplatten ist das Herzstück der Altstadt. Er ist umgeben von der ehemaligen Stadtloggia und dem Rektorenpalast – ein sehr harmonisch wirkendes Ensemble. Von hier aus zieht sich ein Gewirr von engen Gassen und ­unendlich vielen Treppen – es sollen 2.000 sein – den Berg hinauf.

Wer die Stadt von oben sehen will, muss also steil bergauf. Viele der Steinhäuser, an denen man vorbeigeht, haben reich verzierte Fassaden. Immer wieder stößt man auf kleine Läden, Restaurants und Cafés. Unser Ziel ist die Festung des Heiligen Michael, eine von drei Festungen in ­Sibenik. Sie dienten der Verteidigung der Stadt, die erst im 11. Jahrhundert gegründet wurde.

Die Lage der Stadt an einer von vorgelagerten Inseln geschützten Bucht weckte im Laufe der Zeit das Interesse vieler Mächte: Venedig, Ungarn, Byzanz und Bosnien wechselten sich mit ihrer Herrschaft ab, bevor Venedig 1412 endgültig die Macht erlangte. In dieser Phase erlebte die Stadt ihre Blütezeit, obwohl es im 16. und 17. Jahrhundert regel­mäßig zu Angriffen der Osmanen kam. Die ­venezianische Herrschaft wurde 1797 beendet, danach gehörte die Stadt bis 1918 zu Österreich.

Die Festung des Heiligen Michael liegt am Rande der Altstadt und bietet eine traumhafte Aussicht. Der Blick gleitet über die roten Dächer und das weiße Tonnengewölbe der Kathedrale zum dunkelblauen Wasser der Adria. Rechterhand mündet der Fluss Krka in die Bucht, geradeaus erstreckt sich der Kanal Sv. Ante, der aufs offene Meer hinausführt. Im Innenhof der Festung ­befindet sich heute eine Freilichtbühne, mit ­Sicherheit eine der schönsten Open-Air-Bühnen Kroatiens.

Wer nach so viel Lauferei und Treppensteigen und Gucken eine Pause braucht, sollte den ­Garten des Klosters Sveti Lovro aufsuchen. Zu ­behaupten, es sei ein Geheimtipp, wäre übertrieben, doch es ist ein wunderbar ruhiger Ort fernab vom Trubel. Dass der in Kreuzform angelegte, mittelalterliche Garten voller Blumen und Kräuter, in dem sogar zwei Schildkröten leben, gar nicht aus dem Mittelalter stammt, sondern nachgebaut ist, tut der Schönheit des Ortes keinen Abbruch. In dem kleinen Café kann man bei Limonade und Eis gut abkühlen und das Idyll auf sich wirken lassen.

Für den Abend sollten Besucher einen Spaziergang auf der Strandpromenade einplanen. Tagsüber starten hier die Ausflugsboote zu den ­berühmten Krka-Wasserfällen und zu den der Küste vorgelagerten Kornateninseln. In den Abendstunden sind hier nur noch ein paar ­Kajakfahrer und Segelboote unterwegs, die durch den Sv.-Ante-Kanal zurück in die ­geschützte Bucht kommen.

Etwa zwanzig Minuten dauert der Weg zu einer auf einer Klippe liegenden Aussichtsplattform unweit des Stadtstrandes Banj. Die untergehende Sonne gibt den dicht an dicht stehenden ­hellen Hausfassaden einen orangefarbenen ­Anstrich, davor dümpeln kleine Boote auf dem Wasser. Auch die Kathedrale leuchtet im Sonnenuntergang, oben auf der Festung gehen die ersten Scheinwerfer für die abendliche Aufführung an. Aber ganz ehrlich: Schöner als dieses Schauspiel am Meer kann kein Open-Air-­Programm sein.