

Fast lautlos rauscht die schwarze Limousine mit ihren getönten Scheiben über den Highway Richtung Palm Beach. Der Mann am Steuer trägt dunklen Anzug und Krawatte, obwohl es draußen dreißig Grad warm ist. „Eigentlich“, sagt er, „ist das Leben in Florida preiswert. Im Prinzip reicht ein Bademantel.“ Trotzdem, er ziehe formelle Kleidung vor.
Jeff ist Chauffeur mit Leib und Seele, seine Limousine so lang, dass man hinter dem Fahrersitz im Innenraum fast eine Tischtennisplatte aufstellen und spielen könnte – wenn auch in geduckter Haltung. Sein Job ist es, Hotelgäste vom Flughafen Miami aus möglichst stilvoll in Floridas Nobel-Badeort Palm Beach zu kutschieren. Ob er schon mal Prominente gefahren habe? „Oh, heute keine“ antwortet er. Und grinst.
Anderswo mag Wal- oder Delfin-Beobachtung die große Urlaubsattraktion sein – in Palm Beach ist es die Prominenten-Beschau: fast unmöglich, keinen davon zu sehen, erst recht seit Donald Trump hier in seinem Privatclub Mar-a-Lago Hof hält.
Preisschilder interessieren nicht
Palm Beach ist das Eldorado der US-Millionäre und -Milliardäre in Florida – ein skurriles Inselchen an der Ostküste des Sonnenstaates, das über drei kurze Brücken mit dem nahen Festland verbunden ist und bereits seit den Anfängen des vorigen Jahrhunderts die High Society magisch anzieht.
Ein Ort zum Schauen und Bummeln, und sei es nur auf Tagesausflug von einem anderen Ferienort Floridas aus. Ein Ort zum Staunen, zum Beispiel über die Preisschilder in den Boutiquen-Schaufenstern entlang der vornehmen Worth Avenue. Die nämlich fehlen schlicht, lediglich „Sale“-Tafeln stehen zwischen den Auslagen. „Schlussverkauf“ also – wie eigentlich immer in Amerika. Wer hier kauft, den interessieren Preise ohnehin nicht.
An der Worth Avenue gibt es alles, was edel und teuer ist, dazu nicht minder hochpreisige Geschmacklosigkeiten vom polierten Kupferengel im Renaissance-Stil bis zum diamantenblitzenden Protz-Armband ohne jeden Stil.
Die Angebote der Galerien in der Worth Avenue stehen dahinter nicht zurück und reichen bis hin zu Picasso-Gemälden. „Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein ist gerade ausverkauft“ heißt es
in einer davon, als ginge es um einen Zentner Kartoffeln. „Aber der Chef kommt am Nachmittag aus Philadelphia und bringt Nachschub mit“, beeilt sich der Mitarbeiter noch einzuwerfen.
Hohe Dichte an Nobelkarossen
Nirgendwo in der Welt außer in der Werkseinfahrt der Hersteller ist dann auch die Dichte an Rolls Royces und Maybachs so hoch wie hier. Wer sich morgens nur fünf Minuten ins Gras vor der Kirche an der South County Road setzt, zählt rund zwanzig Autos – mindestens drei davon sind Rolls Royce oder Maybachs.
Manchmal stoppen sie abrupt, wenn Golf-Carts von links und rechts die vierspurige Hauptstraße zwischen zwei Golfplätzen kreuzen. Sie nämlich haben Vorfahrt im Refugium der Reichen. Und: Echte Palm Beacher erkennt man daran, dass sie einer Luxuslimousine längst nicht mehr hinterherschauen.
So selbstverständlich dicke Brieftaschen oder Platin-Kreditkarten in Palm Beach sind, so normal geben sich die Einwohner: lieber in Shorts als im Anzug, lieber im Shirt als mit Schlips und Kragen. Sie sind locker, offen, sogar mal zu einem Plausch auch mit Wildfremden aufgelegt. Elitäre Arroganz ist hier fremd. Wem soll man auch imponieren wollen: Die knapp 10.000 Einwohner sind alle reich. Und für Touristen lohnt sich Angeberei kaum.
Alles begann im Jahr 1896
Die Schriftzüge von Berühmtheiten wie Sean Connery, Robin Williams und Madonna zieren das Gästebuch des noblen Hotels „The Breakers“, mit seinen zwei mächtigen Türmen das Wahrzeichen von Palm Beach und gleichzeitig seine Keimzelle.
Eisenbahn-Magnat und Rockefeller-Partner Henry Morrison Flagler ließ 1896 Schienen bis hierher und weiter in bis dato völlig unerschlossene Regionen Floridas legen. Hier aber hatte es ihm der helle Palmenstrand angetan. Flagler fasste den Plan, aus der kleinen Insel ein Refugium der Reichen zu machen und ließ ein Luxushotel errichten: der Grundstein für die touristische Karriere von Palm Beach.



