Nelken für die Banditen

Arizona: Die Wildwest-Stadt Tombstone bietet amerikanische Geschichte zum Anfassen

Die weiße Farbe blättert in schorfigen Flocken ab, die schwarzen Buchstaben sind gerade noch lesbar: Irgendwer hat frische Nelken vor das bald 150 Jahre alte Holzkreuz am Rande der Wüste gelegt. Und jemand hat eine leere Dose „Coors“- Bier unterm Kaktus in den Sand gedrückt.

Auf dem Bild fährt eine rote Postkutsche, gezogen von zwei weißen Pferden, durch die historische Westernstadt Tombstone in Arizona. Im Vordergrund sitzen der Kutscher und Passagiere im nostalgischen Old-West-Setting, während im Hintergrund typische Westerngebäude zu sehen sind.
Wie in einer Zeitmaschine: Tombstone lebt touristisch von seinem Wildwest-Flair. Foto: Visit Arizona

Das ist eine Reverenz an den Banditen-Boss Billy Clanton und seine Mitstreiter Frank und Tom McLaury auf dem kleinen Prärie-Friedhof von Tombstone in Arizona. Am 26.Oktober 1881 hat Sheriff Wyatt Earp die berüchtigten Gangster im O.K. Corral der bleihaltigen Cowboy-Stadt östlich von Tucson erschossen. „32 Schüsse in 27 Sekunden – 3 Tote“ berichtete der „Tombstone Epitaph“ auf der Titelseite.

Seitdem ruhen die Gebeine der Gesetzlosen in trauter Eintracht neben anderen, deren Holzkreuze wortkarg die rauen Sitten von damals widerspiegeln: „unknown – killed by mistake“, „murdered“, „hanged“, „lynched“. Tötungsarten in allen Varianten. Tombstone, übersetzt bedeutet der Ortsname schlicht „Grabstein“, war kein Pflaster, das Durchreisenden gut bekam.

Stuntmen spielen das Duell nach

Heute sind es Urlauber, die mit gemischten Gefühlen über den Friedhof stapfen und Selfies schießen, dazwischen Schulklassen aus der amerikanischen Provinz, deren Lehrer sie mit einem Hauch von „…und die Moral von der Geschicht´“ in der Stimme über den Boothill Graveyard lotsen. Die Gegenwart hat vor dem Friedhof der Vergangenheit nicht Halt gemacht. Am Eingang rattert ein knallroter Cola-Automat. „Enjoy“ steht in weißen Schreibschrift-Buchstaben auf rotem Grund.

Die Ereignisse vom Oktober 1881 haben in Tombstone einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass Stuntmen die Szene regelmäßig nachspielen. Zum Gedenken werden jedes Jahr im Mai die kunterbunten „Wyatt Earp Days“ und im Herbst die „Helldorado Days“ gefeiert: schrullig, schrill und originell, Paraden mit viel Tamtam. Cheergirls tanzen dann mit wehenden Sternenbannern durch die Allen Street – links und rechts restaurierte Westernhäuser aus den Glanzzeiten des Ortes, applaudierende Passanten auf den verandaartigen Holzumläufen vor den Geschäften und Saloons.

Schwelgen in Western-Nostalgie


Auch heute duellieren sich Schauspieler regelmäßig. Foto: Visit Arizona

In den besten Zeiten rund um 1885 gab es hier 106 Spielhallen, Pokerkneipen und Bordelle. Zwei Drittel aller Etablissements entlang der Hauptstraße standen damals im Zeichen des Lotterlebens und waren ganz darauf ausgerichtet, den rauflustigen Desperados genügend Zeitvertreib zu bieten.

Heute ist Tombstone jugendfrei. Man schwelgt in Nostalgie, ohne Vergangenes eins zu eins widerspiegeln zu wollen: Souvenirshop in Plüsch-Deko statt Freudenhaus, Fast-Food-Tresen hinter Originalfassade statt Trinkerbörse.

15.000 Einwohner hatte das Nest zu Zeiten des Silberbooms vor über einem Jahrhundert und war für kurze Zeit die am schnellsten wachsende Stadt des Westens.. Als die Minen ausgebeutet waren, ging es bergab. Inzwischen besann sich der Ort seiner Geschichte und setzt auf den Tourismus. Windschiefe Westernhäuser wurden wieder ins Lot gebracht, Traditionsbauten restauriert, Wände frisch gestrichen und Veranden repariert. Tombstone ist keine Freizeitpark-Westernstadt, sondern amerikanische Geschichte zum Anfassen.

Reiter und Oldtimer auf der Straße

Als Reverenz ans Damals ebenso wie an die Erwartungshaltung der Besucher hat manch ein Verkäufer Cowboy- oder Sheriff-Kluft angelegt. Und kaum einer wundert sich, wenn plötzlich Schüsse krachen und wieder mal ein Stuntman vom Dach fällt – genauso wie früher keiner eine Affäre daraus gemacht hat, wenn jemand aus Versehen erschossen wurde.

Reiter und alte Chevis sind in den Straßen ebenso unterwegs wie auf Hochglanz polierte Cadillac-Oldtimer und eine knallrote Postkutsche. Die Lady auf dem Kutschbock verbirgt ihre Augen an diesem Nachmittag hinter einer gespiegelten Sonnenbrille.

Was sie an Tombstone heute liebt? „Alles“ sagt sie. „Und vor allem, dass man jede Sekunde 
damit rechnen könnte, John Wayne oder Kevin Costner kämen um die nächste Straßenecke oder würden mit der Knarre im Anschlag durch die halbhohen Schwingtüren aus einem der 
Saloons marschieren.“