Umfrage der Woche: Wie sehen Sie das Aida-Urteil?

Dürfen Reisevermittler einen Teil der erhaltenen Provision als Rückvergütung an Kunden weitergeben? 
Ja, sie ­dürfen, urteilten die Richter am Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf jetzt und bestätigten vorherige ­Urteile.
 Wir haben Reisebüro-Chefs gefragt, welche Konsequenzen sie daraus ziehen.

Nils Augustat, Kreuzfahrtsehnsucht.de, Wesseling

Ein junger Mann mit kurzem Haar und einem blauen Hemd lächelt freundlich, während er seine Arme vor der Brust verschränkt.

„Ich habe mit diesem Urteil gerechnet. Nun muss man 
abwarten, wie sich die Marktteilnehmer positionieren. 
Folgenschwer wäre für den ganzen Markt eine Rabattschlacht. Stationäre Reisebüros würden am meisten leiden, während die großen OTAs wohl ganz vorne dabei wären. Die Veranstalter sind gut beraten, dies im Rahmen ihrer Möglichkeiten so gut es geht zu unterbinden und mal in andere Branchen zu schauen. Auch dort können Hersteller die Weitergabe von Provisionen oder ähnlichem nicht verbieten. Es ist aber üblich, dass Hersteller im Austausch mit den Vertriebspartnern gemeinsam einen Mehrwert für die jeweilige Marke und die ausgearbeitete Preispolitik der Produkte schaffen.“

Michael Merges, Reisebüro Beachfinder, Koblenz

Ein lächelnder Mann mit grauen Haaren und Bart trägt ein weißes Hemd mit Punkten. Im Hintergrund sind unscharfe Personen und eine Fensteröffnung zu sehen.

„Ich sehe nun die Veranstalter am Zug, denn mit zunehmenden Rückvergütungen ­findet ein struktureller Machtwechsel in der Branche statt. Und der geht weit über die Preisgestaltung hinaus: Die Macht verschiebt sich zunehmend von den Veranstaltern hin zu den Online-Portalen. Das ist kein fairer Wettbewerb mehr, sondern eine Abhängigkeitsspirale. Und die wird die gesamte Branche verändern. Reisebüros werden Kunden verlieren, das ist keine Frage. Aber den Kopf in den Sand stecken kommt für uns nicht infrage. Schade finde ich, dass manche Veranstalter immer noch versuchen, Reisebüro-Kunden zu ­Direktbuchungen zu bewegen anstatt partnerschaftlich auf Augenhöhe zu agieren.“

Uwe Wenglikowski, Kozica Reisen, Essen

Ein Mann mit kurzem, grauem Haar sitzt am Strand, lächelt und blickt in die Kamera. Im Hintergrund ist das Meer und ein blauer Himmel zu sehen.

„Gerne würden wir ein anderes Urteil sehen – vielleicht gibt es in der nächsten Instanz ja noch eines. Aber auch wenn es dabei bleibt, lassen wir uns nicht beirren. 
Rabatte oder Rückvergütungen werden seit Jahrzehnten von Kollegen und Unternehmen angeboten. Wir werden diesen Weg auch in 
Zukunft nicht mitgehen, da es glücklicherweise noch genügend Kunden gibt, die nicht aufgrund des niedrigsten Preises eine Reise 
buchen, sondern wegen der Reise selbst und der Leistung der Reederei und des Reisebüros. Unsere Mehrwerte sind die Erreichbarkeit und Fachkräfte mit Qualität und Erfahrung sowie eigene attraktive Pauschalpakete aus Kreuzfahrt und Hotelübernachtung.“

Miriam Agrebi, Maro Reiseservice, Rothenburg ob der Tauber

Eine lächelnde Frau mit schulterlangen, dunklen Haaren steht am Strand, umgeben von Palmen und einem Sonnenuntergang im Hintergrund.

„Mir stellt sich die Frage, 
warum Aida das Thema so hartnäckig verfolgt, wo es 
juristisch doch klar war, wie 
es ausgeht. Hoffentlich irre ich mich, aber meine Furcht ist, dass Aida ein klares Ziel verfolgt: Nettopreise und ein stärkerer Direktvertrieb. Warum sonst sollte Aida diesen Weg mit all den Kosten gehen? Das Produkt ist im Markt sehr gut eingeführt und für Aida-Fans nicht mehr beratungsintensiv. Gute Beratung durch Reisebüros benötigen bei Aida nur Erstfahrer, bislang zumindest. Die großen Portale werden innerhalb eines neuen Modells sicher noch eine Mengenprovision bekommen – und können netto abverkaufen.“

Bettina Zwickler, Passage-Kontor, Schwentinental

Eine lächelnde Frau mit blonden, lockigen Haaren trägt eine beige Jacke und schwarze Brille. Sie posiert mit einer Hand an ihrem Kinn.

„Das Urteil ist rechtsgültig – und als Unternehmerin habe ich mit Gruppenreisen und Spezialisierungen längst die Zukunftsweichen gestellt. Für mich als Mensch wird leider wieder sehr deutlich, dass in vielen Lebenslagen eine Doppelmoral gilt. Mit Wertschätzung für Dienstleistungen, Rückgrat bei Datenschutz und Respekt könnte man in vielen Bereichen ein erfolgreiches Miteinander pflegen, müsste gar keinen rechtlichen Weg einschlagen. Am Ende ist es ein Urteil, das nicht Qualität, Service und Vertrauen belohnt, sondern kurzfristige Ersparnis. Mein Respekt gilt Aida, diesen Weg gegangen zu sein.“

Wolfgang Schmidt, Reisebüro Wörlitz Tourist, Berlin

Ein Mann in einem dunkelblauen Anzug mit einem hellen Hemd, der direkt in die Kamera schaut. Der Hintergrund ist neutral und hell.

„Das Urteil ist für die gesamte Touristik schlecht. Profiteure sind in erster Linie Unternehmen, deren Kerngeschäft in erster Linie nicht die Touristik ist. Ob es sich negativ auf den Verkauf von Kreuzfahrten 
auswirken wird, kann ich aktuell nicht einschätzen. Eines ist sicher: Gerade Vertriebska-näle, deren Kerngeschäft nicht die Touristik ist, 
haben damit einen klaren Wettbewerbsvorteil. Es ist zu bedauern, dass Gerichte keine Differenzierung vornehmen. Wir müssen deshalb dem Kunden noch klarer machen, welchen Mehrwert er mit einer persönlichen Beratung beziehungsweise Betreuung hat.“

Alain Freeman, Reisecenter Early Bird, Bergedorf

Ein Mann mit einem freundlichen Lächeln trägt ein helles Polohemd mit einem Vogelmotiv. Der Hintergrund zeigt einen klaren blauen Himmel.

„Das Urteil war vorhersehbar. Dennoch erzeugt es bei mir Kopfschütteln, dass Rückvergütungen in unserer Branche immer wieder juristisch als zulässig erklärt werden. Cashback bei Urlaubsbuchungen ist für Privatpersonen in der Regel steuerfrei, angeblich handelt es sich um einen Preisnachlass auf den Reisepreis, aber der eigentliche Reisepreis des Veranstalters bleibt davon unberührt. Daher gilt für mich ein Cashback, der aus Provisionen entnommen und ausgezahlt wird, als steuerpflichtiges Einkommen. Der Staat verzichtet hier auf hohe Steuereinnahmen. Man müsste die Sache ganz anders angehen. Ich bin aber kein Jurist und kann mich nur wundern.“

Aron Stiefvater, Reisebüro Stiefvater, Weil am Rhein

Ein Mann mit kurzem Bart und lächelndem Gesicht, gekleidet in ein weißes Hemd, steht vor einer grauen Betonwand mit verschränkten Armen.

„Das Urteil hat sich zuletzt immer mehr abgezeichnet. Für unser seit 1972 bestehendes Familienunternehmen wird es nach dem jetzigen Stand der Dinge vorerst keine relevante Rolle einnehmen. Für den gesamten Vertrieb wird es aber noch wichtiger sein, mit hoher Expertise und fundierter Beratung Qualitätsführer zu sein, der für den Kunden, auch zum besten Preis-Leistungs-Verhältnis, das richtige Kreuzfahrtprodukt selektiert.

Wir halten intern an unserer Philosophie fest und investieren weiter in Ausbildung, Qualität und Fachwissen unserer Teams – stationär, 
online und hybrid. Und natürlich geht es mehr denn je um eine wertschätzende Partnerschaft zwischen Leistungsträger und uns als Reisebüro – zu einer entsprechenden Vergütung. Sie ist für uns als Familienunternehmen in der Selektion des Portfolios nun noch mehr existenziell.“

Fotos: Kozica Reisen, Passage-Kontor, ta, privat