Die aktuellen Herausforderungen für die Reisewirtschaft und die übergeordnete Frage, wie Reisebüros ihr Geschäftsmodell nachhaltig zukunftsfähig aufstellen können, stehen am heutigen Dienstag auf der Agenda des „DRV-Tags des Reisevertriebs“ in Frankfurt am Main. In der Bankenstadt geht es um den Umgang mit Cashback & Co. und dem daraus resultierenden Preisdruck sowie um geopolitische Krisen und fortschreitende Digitalisierung.
„Die Situation ist schwierig“
Laut Branchenverband befindet sich der Reisevertrieb in einem tiefgreifenden Umbruch, wie Ralf Hieke, DRV-Vizepräsident der mittelständischen Reisemittler (Säule A), in seiner Eröffnungsansprache erläuterte: „Die Situation ist schwierig und es liegt nicht in unserer Hand, etwas ändern zu können – das ist das Unbefriedigende im Moment“, so Hieke. „Die Frage ist: Gibt es noch ein Last-Minute-Jahr, das das Geschäft ein stückweit rettet.“
Externe Faktoren wie geopolitische Krisen, Unsicherheit und Preissteigerungen bremsen die Buchungen empfindlich. DRV-Präsident Albin Loidl sagte in seiner Keynote: „Die Endpreise haben ein Niveau erreicht, auf dem für Familien eine klassische zweiwöchige Urlaubsreise kaum noch erschwinglich ist.“ Dazu trügen unter anderem die Kosten für die Luftverkehrssteuer oder den Reisesicherungsfonds bei – und auf die werde man versuchen einzuwirken, formulierte Loidl eine Aufgabe für den Verband.
Krisen-Managerin stimmt Branche auf „dynamischen Sommer“ ein
Ein zentrales Thema der anschließenden Panel-Diskussionen am Vormittag war das Krisen-Management. Das ist im Vertrieb längst zum festen Bestandteil des Tagesgeschäfts geworden und wird es auch in der bevorstehenden Hochsaison weiterhin bleiben, prognostizierte Melanie Gerhardt, die bei Dertour und DRV das Krisen-Management verantwortet. Sie stimmte die Branche auf einen „sehr dynamischen Sommer“ ein.
Önder Sancarbarlaz, Geschäftsführer von Sancarbarlaz Tours und DRV-Vorstand mittelständische Reisemittler (Säule A), nutzte die Bühne für Appelle an Veranstalter und andere Leistungsträger. „Wir brauchen bessere Schnittstellen, um im Krisenfall auch selbst schnell an den betroffenen Buchungen arbeiten zu können.“ Dies sei bislang nicht möglich und zuletzt ein „größeres Problem“ gewesen. Noch zeige sich eine „wirtschaftliche Resilienz der Reisebüros, gerade bei Stornowellen“, so Sancarbarlaz, dennoch könne es aber auch zu „Liquiditätsengpässen“ kommen, mahnte er. Er forderte in Frankfurt unter anderem flexible Provisionsmodelle und schnellere Erstattungsprozesse.
Cashback: Aida prüft Einspruch
Ein weiteres Kernthema beim Tag des Reisevertriebs war Cashback. Mit Aida-Manager Uwe Mohr begrüßte der DRV dafür den passenden Podiumsteilnehmer. Er erläuterte das jüngste Urteil gegen den deutschen Kreuzfahrtprimus und teilte mit, dass man in der Reedereizentrale in Rostock nächste juristische Schritte prüfe: „Wir überlegen jetzt, ob wir eine Nichtzulassungsbeschwerde einlegen“, so der Aida-Vertriebschef. Aus zwei Gründen: Erstens stört sich Aida an der Versagung des Handelsvertreterprivilegs: Man selbst sei von einem „echten“ Handelsvertreterstatus ausgegangen, so Mohr – und dieser würde es erlauben, ein Verbot der Provisionsweitergabe im Agenturvertrag festschreiben zu können. Stattdessen habe das OLG Düsseldorf die Klägerin S-Markt aber als „unechten“ Handelsvertreter eingestuft und das ermögliche Aida als Veranstalter eben nicht die Durchsetzbarket eines Verbots der Provsionsweitergabe. Dies sei der „strittige Punkt“, sagte Uwe Mohr.
Zweitens werde zwischen dem Vermittlermarkt und dem Produktmarkt unterschieden, wie er weiter ausführte. Der Vermittlermarkt verkaufe eben nicht nur Hochseekreuzfahrten, sondern auch andere Reisearten. Das Landgericht Düsseldorf in erster und das Oberlandesgericht Düsseldorf in zweiter Distanz seien zwar zum gleichen Urteil gekommen, aber mit unterschiedlicher Begründung. Der Senat habe die Nichtzulassung der Revision mit einer Einzelfallentscheidung begründet. „Die Frage der kartellrechtlichen Zulässigkeit von Provisionsweitergabe betrifft aber die gesamte Branche – im Falle von Aida mehr als 7.000 Agenturen“, so Mohr.
Urteil ohne Einfluss auf Zukunft des Handelsvertreterstatus
Der juristische Streit mit dem Rückvergütungs-Dienstleister S-Markt ist also nicht beigelegt. Auswirkungen auf den Handelsvertreterstatus, wie sie kolportiert werden, werde der Fall aber nicht haben, versichert der Aida-Manager. „Es gibt keinerlei Zusammenhang zwischen dem Prozess, den wir führen, und der Zukunft des Handelsvertreterstatus“, so Uwe Mohr.



