


Kaum hat die kleine Fähre angelegt, da strömen die Besucher schon in Richtung des Itsukushima-Schreins. Schnurstracks geht es an Restaurants, kleinen Läden und Wohnhäusern des beschaulichen Örtchens Ryokan vorbei. Ein kurzer Abstecher hinauf zum Hokukujinja Senjokaku Pavilion, einem prächtigen Schrein aus dem 16. Jahrhundert, und der 27 Meter hohen Gojunoto-Pagode mit ihrem geschwungenen und verzierten Dach. Und wieder entlang der Promenade, um eine Kurve, bis das rot-leuchtende Torii zu sehen ist.
An diesem Morgen ist das Tor vor dem Itsukushima-Schrein komplett von Wasser umgeben, sodass es auf wundersame Weise zu schweben scheint – was das Konstrukt zu einem der beliebtesten Fotomotive Japans hat werden lassen. Doch auch bei Ebbe ist das imposante, 16 Meter hohe Torii ein Highlight, vor dem sich unzählige Menschen stehend aufgereiht in Schlangen finden. Geduldig warten sie, bis sie an der Reihe sind, das perfekte Foto zu schießen.
Eine Reise in eine andere Welt
Die Fahrt von Hiroshima zum kleinen Eiland Miyajima dauert je nach Wetter nur wenige Minuten. Es ist eine Reise in eine andere Welt. Von der pulsierenden Millionen-Metropole mit dem beeindruckenden Peace Memorial Museum, dessen Besuch einen kaum loslässt, geht es in die Idylle. Raus in die Natur.
Lässt man den Schrein und das Städtchen Ryokan hinter sich, gelangt man in den Momijidani-Park, den Ahorntal-Park. Dieser verwandelt sich gerade im Herbst in ein prächtiges Farbenmeer. Die Blätter der Bäume leuchten in verschiedenen Rot-Tönen, in einem hellen Gelb und einem satten Grün. Flüsse plätschern vor sich hin, in kleinen Teichen schwimmen wohlgenährte Koi-Karpfen. Und immer wieder passieren zutrauliche Sika-Hirsche den Weg, die anders als in der Stadt Nara, nicht gefüttert werden dürfen. Daher ergreifen sie ab und an selbst die Initiative und beißen ganz frech auch gerne einmal in verführerisch duftende Handtaschen.
Zu Fuß oder per Seilbahn auf den Berg Misen
Trotzdem die Insel ein Touristen-Hotspot Japans ist, kann man, sobald man den Schrein hinter sich gelassen hat, fern der Massen spazieren. Wer will, kann sogar eine Wanderung auf den Berg Misen machen. Für Nicht-Wanderer empfiehlt sich die Seilbahn, die allerdings nur bei schönem Wetter fährt. An diesem Tag ist es so windig, dass selbst eine Tour zu Fuß zum Gipfel des 535 Meter hohen Bergs nicht gerade erstrebenswert scheint.
Stattdessen geht es zurück ins Städtchen, zu einem kleinen Laden, aus dem ein betörender Duft strömt. Eine Menschentraube hat sich vor dem Fenster gebildet. Im Minutentakt reicht die Verkäuferin frittiertes Gebäck in Form eines Ahornblattes am Stil heraus. Gefüllt sind die Momiji Manju unter anderem mit Lemoncurd, Vanille, Schokolade oder Matcha. Sie sind unfassbar lecker – klebrig und himmlisch süß. Kein Wunder, dass die Schlange der Wartenden immer länger wird. Auch deswegen, weil in Japan nicht im Gehen gegessen werden darf.
Im Gehen zu essen, ist verboten
Die Speise muss dort verzehren, wo man sie gekauft hat. So wird verhindert, dass die Besucher unachtsam ihren Müll in der Landschaft entsorgen. Denn Mülleimer gibt es kaum. Nach dem Giftgas-Anschlag der Aum-Sekte 1995 in der Tokioter U-Bahn wurden die Behälter zunächst versiegelt und später abgebaut. Trotzdem zählt Japan zu den saubersten Ländern der Welt.
Gut gestärkt geht es schließlich zurück, vorbei an zahlreichen Souvenirläden, vorbei an dem Schrein und dem Torii, vor dem sich immer noch lange Warteschlangen bilden, zurück zur Fähre, die die Besucher wieder mit in die Großstadt nimmt. Und während sie ablegt, ertappt man sich dabei, zu bedauern, nicht länger geblieben zu sein, um die kleine Insel ganz friedlich bei Nacht zu erleben.
Anfahrt
Miyajima kann ab dem Hafen Miyajimaguchi
mit der Fähre erreicht werden. Die Fahrt dauert je nach Wind und Wetter etwa zehn Minuten. Der Hafen ist von Hiroshima aus in etwa
30 Minuten mit dem Shinkansen erreichbar. Weitere Infos gibt es unter www.miyajima.or.jp/english/.



