Die Friedensboten von Belfast

Das Zentrum von Belfast mit dem prunkvollen Rathaus
Das Zentrum von Belfast mit dem prunkvollen Rathaus
Ex-IRA-Aktivist Mark saß im Gefängnis. Heute empfängt er Besucher am Eingang der katholischen Falls Road.
Ex-IRA-Aktivist Mark saß im Gefängnis. Heute empfängt er Besucher am Eingang der katholischen Falls Road. Fotos: mw

Nirgendwo erlebt man den Bürgerstolz jener Jahre eindrücklicher als auf dem Donegall Square im Stadtzentrum. Gekrönt von einer 53 Meter hohen Kupferkuppel und vier Seitentürmen erzählt das prächtige Rathaus im Neo-Renaissance-Stil aus dem Jahr 1906 vom viktorianischen Empire auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Mit Mark durch die Falls Road Nur wenige Straßen weiter erklärt der ehemalige IRA-Aktivist Mark im Trainingsanzug aus Ballonseide einer deutschen Reisegruppe, dass auch 2016 noch viele katholische Iren mit den Briten in Nordirland keineswegs ihren Frieden gemacht haben. Von 1976 an saß Mark ein Jahrzehnt lang für seine Gesinnung und seine handfesten Aktionen in Haft. Er war einer derjenigen, die sich weigerten, Sträflingskleidung zu tragen, um nicht als gemeine Kriminelle gebrandmarkt zu werden. In Decken gehüllt saßen sie monatelang in ihren Zellen.

Vier Jahrzehnte später führt Mark heute für die Nichtregierungs-Organisation Coiste regelmäßig Besuchergruppen durch die Falls Road. In dem traditionell katholischen Arbeiterviertel mit seinen kleinen Reihenhäuschen aus rotem Klinker ist man noch immer weit weg vom Pomp des wieder aufgeblühten Geschäftsdistrikts. An vielen Mauern und Fassaden erinnern plakative Wandbilder an die Zeit der „Troubles“, wie alle in Nordirland den Bürgerkrieg zwischen Großbritannien-treuen Protestanten und den auf Abspaltung drängenden katholischen Republikanern beschönigend nennen.

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Tatsächlich kamen von 1969 bis 1998 rund 3.500 Menschen ums Leben, die Hälfte davon Zivilisten. Und auch wenn Nordirland heute viele Touristen mit seinen Naturschönheiten wie dem Giant’s Causeway anlockt, bleibt der Konflikt prägend für das Leben in dem britischen Landesteil.

Stadtviertel durch Zäune getrennt Eine Tour mit Zeitzeugen wie Mark durch West-Belfast gehört deshalb zum Spannendsten, was Nordirland Besuchern zu bieten hat. „Als die Briten 1969 Militär in unsere Straßen schickten, ahnte niemand, dass daraus ein 30 Jahre währender bewaffneter Konflikt werden würde – bis zum Karfreitagsabkommen von 1998“, sagt der Ex-Aktivist. Im Gedenkgarten der Republikaner zeigt er die Tafeln mit den Namen der Opfer britischer Gewalt. Dahinter steht ein hoher Zaun, mit Stacheldraht verstärkt die Grenze zum Viertel der protestantischen Unionisten.

Noch heute werden die Gittertore zwischen beiden Arealen jeden Abend um 20 Uhr geschlossen. „Niemand verkehrt mit den Menschen auf der anderen Seite. Die Kinder gehen in getrennte Schulen“, erklärt auch Paul, der die Gruppe auf der protestantischen Seite in der Shankill Road erwartet. Paul nimmt die Touristen mit zu den Schauplätzen von Bombenanschlägen der IRA.

Blau-weiß-rote Bürgersteigränder und der Union Jack vor vielen Häusern bestimmen bis heute das Straßenbild. Die Besucher sind trotzdem erstaunt, wie klein die Kampfzone der „Troubles“ einst war.

Mark und Paul immerhin haben aus der Geschichte gelernt. Heute arbeiten beide – wenn auch jeder in seinem Viertel – mit ihren Touren gemeinsam dafür, dass die Meinungsverschiedenheiten nicht wieder in Gewalt ausarten. Verschieden lange Führungen durch West-Belfast wie die beschriebene dreistündige Falls Road Tour können unter www.coiste.ie individuell oder für Reisegruppen gebucht werden.

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