Ausharren in Abu Dhabi: Live von der Mein Schiff 4

Seit mehreren Tagen liegt die Mein Schiff 4 aufgrund der aktuellen sicherheitspolitischen Lage im Nahen Osten im Hafen von Abu Dhabi fest. Anna-Lena Köhler, Reiseleiterin bei Terramania Reisen, berichtet aus erster Hand über die Situation an Bord, die Entwicklungen vor Ort und die Stimmung unter den Passagieren:

„Ich bin seit dem 22. Februar mit 44 Gästen, darunter einem Kind, auf unserer Orient-Kreuzfahrt mit der Mein Schiff 4. Geplant war eine Woche Kreuzfahrt vom 22. Februar bis 1. März ab/bis Dubai mit Badeverlängerung bis zum 3. März auf der Insel The Palm Jumeirah in Dubai. Ursprünglich wären wir am 3. März gegen Abend zurück nach Deutschland geflogen.

Wir liegen seit dem 28.02. morgens im Hafen von Abu Dhabi. An diesem Tag sind wir am Vormittag wie geplant zu unserem Ausflug in Abu Dhabi gestartet. Als wir am Louvre Abu Dhabi standen, habe ich vom Schiff einen Anruf erhalten, dass sich alle Passagiere auf Anweisung des Kapitäns umgehend und auf direktem Wege zurück zum Schiff begeben sollen.

Das haben wir sofort umgesetzt. Daraufhin gab es mehrere Durchsagen des Kapitäns, in denen er uns über die aktuelle Lage vor Ort informierte. Dabei wurde unter anderem über die Angriffe zwischen dem Iran, Israel und den USA gesprochen. Außerdem ordnete der Kapitän sofort an, dass alle Außenbereiche des Schiffes – unter anderem das Pooldeck – geschlossen bleiben und auch alle Gäste auf die Nutzung ihrer privaten Balkone verzichten sollen.

Verbleib im Hafen und erste Unsicherheit

Wir sind bis zum Abend davon ausgegangen, dass unser Schiff wie planmäßig am Samstagabend um 18:00 Uhr in Abu Dhabi Richtung Dubai aufbrechen würde. Kurz danach informierte uns der Kapitän jedoch, dass dies nicht mehr möglich sei und unser Schiff zunächst im Hafen von Abu Dhabi bleiben werde. Zu diesem Zeitpunkt herrschte an Bord zwar etwas Unsicherheit, aber das Bordleben ging, soweit möglich, normal weiter.

Anna-Lena Köhler berichtet von der Mein Schiff 4. Foto: Anna-Lena Köhler

Wir haben das Geschehen in den Medien verfolgt. Einige Gäste teilten mir mit, dass sie Detonationen in der Ferne wahrnehmen konnten und auch Raketen am Himmel gesehen hätten.

Raketenwarnungen und schlaflose Nacht

Es gab immer wieder Durchsagen des Kapitäns, um uns über die aktuellen Entwicklungen zu informieren. In der Nacht von Samstag auf Sonntag konnten einige Passagiere – so auch ich – immer wieder Abwehrraketen am Himmel beobachten. An Schlaf war kaum zu denken, auch deshalb, weil wir wiederholt Raketenwarnungen der Regierung auf unsere Handys erhalten haben. Diese Notfallbenachrichtigungen kennen wir aus Deutschland nur als Übung für den Ernstfall.

Auch am Sonntagmorgen informierte uns der Kapitän erneut über die aktuelle Lage in den Vereinigten Arabischen Emiraten und betonte mehrfach, dass die Entwicklungen sehr dynamisch seien. Alle Passagiere und Gäste an Bord verhalten sich, soweit wir das mitbekommen, respektvoll, kooperativ und gehen so ruhig wie möglich mit der Situation um.

Explosionen in Hafennähe und „Safe Haven“-Protokoll

Nachdem ich mich mit meinen Kunden zusammengesetzt, über die aktuelle Lage gesprochen und ihnen versichert hatte, dass auch wir alles dafür tun, um so schnell wie möglich sicher nach Hause zu kommen, haben wir die Angebote des Schiffes genutzt und gemeinsam am Spielenachmittag teilgenommen. Zuvor erhielt ich noch eine SMS des Warnsystems, in der für die Kooperation gedankt und mitgeteilt wurde, dass der Luftraum aktuell sicher sei.

Gegen 15:30 Uhr bin ich auf meine Kabine gegangen, um mit meiner Familie zu telefonieren, als wir plötzlich Explosionen wahrnehmen konnten, die nur unweit von uns entfernt waren. Nach einem Blick durch das Fenster meiner Balkonkabine sah ich sofort, woher die Geräusche kamen: Schwarze Rauchschwaden stiegen von einem Hafengebäude auf.

Nur wenige Sekunden später folgte eine Durchsage des Kapitäns, der alle Passagiere aufforderte, sich ins Innere des Schiffes zu begeben, also sich von den oberen Decks und den Fenstern fernzuhalten. Kurz darauf wurde für die Crew das sogenannte „Safe Haven“-Protokoll aktiviert.

Meine Gruppe sowie alle weiteren Passagiere an Bord kamen dieser Anweisung sofort nach. Wir versammelten uns im Theater des Schiffes sowie in fensterlosen öffentlichen Bereichen. Dort wurden wir umgehend mit Wasser versorgt und fortlaufend über die aktuelle Situation informiert. Nach einer Weile gab der Kapitän Entwarnung.

Bordleben zwischen Anspannung und Normalität

Wir durften auf unsere Kabinen zurückkehren und wieder die Restaurants sowie das Bordprogramm nutzen. Dennoch spürt man deutlich Angst und Anspannung unter den Passagieren. Die Crew von TUI Cruises ist jederzeit herzlich, freundlich und stets bemüht, uns ein gutes und sicheres Gefühl zu vermitteln.

Wir erhalten wie gewohnt jeden Abend ein angepasstes Bordprogramm für den Folgetag auf unsere Kabinen. Angeboten werden unter anderem Vorträge, Konzerte, Spielenachmittage und weitere Unterhaltungsmöglichkeiten. Auch für Kinder gibt es Angebote, zum Beispiel ein Simsala-Grimm-Märchenkino. Es werden Massagen, Sportkurse, Tanzkurse und Kunstkurse angeboten. Außerdem bietet das Schiff Passagieren, die auf Medikamente angewiesen sind und für die kommenden Tage nicht ausreichend versorgt sind, an, sich beim Schiffsarzt vorzustellen.

Die Gäste müssen in den Innenbereichen des Schiffes Schutz suchen. Foto: Anna-Lena Köhler

Ich kann nur noch einmal betonen, dass sich TUI Cruises jede Mühe gibt, uns über aktuelle Entwicklungen zu informieren und alles dafür tut, uns trotz der Situation eine gute Zeit an Bord zu ermöglichen. Wir werden immer wieder darauf hingewiesen, dass unser Schiff – nach Abstimmung mit örtlichen Behörden – der für uns sicherste Aufenthaltsort in der Region ist. Zudem wird betont, dass aktiv an einer Lösung für die Rückreise nach Deutschland gearbeitet wird.

Austausch mit Behörden und Hoffnung auf Rückreise

Wir wissen jedoch, dass der Luftraum aktuell noch immer offiziell gesperrt ist. Ich gehe davon aus, dass Behörden, Airlines und auch TUI Cruises die Situation aufgrund der dynamischen Entwicklungen mehrfach täglich neu bewerten.

Nachdem ich gemeinsam mit meinen Kollegen in Deutschland alle unsere 44 Gäste bei Elefand registriert habe, wurde uns mitgeteilt, dass TUI Cruises zweimal täglich die Namen aller deutschen Staatsbürger an das Auswärtige Amt übermittelt. Außerdem steht TUI Cruises in engem Austausch mit dem Auswärtigen Amt, um gegebenenfalls eine Rückführung aller Passagiere zu organisieren.

Zusammenhalt in der Ausnahmesituation

Meine Gruppe ist toll. Alle sind dankbar, dass wir uns als Reiseveranstalter (Terramania) kümmern und transparent mit allen Informationen umgehen. Wir sind eine gute Gruppe. Alle verstehen sich gut, alle halten zusammen und sind füreinander da. Dennoch ist es für uns alle eine Ausnahmesituation. Selbstverständlich haben wir – vor allem nach den Vorkommnissen am 01.03. – Angst.

Das Schlimmste an der Situation ist die Machtlosigkeit. Wir können nur abwarten und hoffen, dass Lösungen gefunden werden, um uns nach Hause zu fliegen. Im Moment hangelt man sich von Durchsage zu Durchsage – immer in der Hoffnung auf neue Informationen zur Rückreise.

Erste vorsichtige Lockerungen

Um 16 Uhr am 2. März erfolgte eine neue Durchsage des Kapitäns: In enger Abstimmung mit den Behörden könne ein Landgang genehmigt werden. Wir wurden jedoch ausdrücklich gebeten, ausschließlich das Hafen-Terminal mit seinen Einkaufsmöglichkeiten aufzusuchen. Alles darüber hinaus geschehe auf eigene Verantwortung. Zudem bat der Kapitän die Passagiere, telefonisch erreichbar zu sein und die aktuelle Lage stetig zu beobachten.

In der Nacht vom 02.03. auf den 03.03. gab es gegen 3 Uhr erneut eine Raketenwarnung auf das Handy. Kurz darauf waren wieder Raketen am Himmel zu sehen und Explosionen in der Ferne zu hören.

Am Morgen des 03.03. dann eine neue Durchsage unseres Kapitäns mit einem ersten Lichtblick: Die erste Maschine von Emirates ist trotz gesperrter Lufträume Richtung München gestartet – mit ersten Passagieren unseres Schiffes an Bord. Wir wissen, dass das nur ein Strohhalm ist. Tatsächlich reisen die ersten Gäste individuell von Bord ab.

Wir sitzen auf gepackten Koffern, bleiben weiter ruhig und hoffen darauf, dass auch für uns bald Platz an Bord der wenigen Maschinen ist, die Richtung Europa fliegen.“