Höhen und Tiefen sind in der Touristik an der Tagesordnung. Und Reisebüros sind wahre Meister darin, sich immer wiederneu zu erfinden, um Herausforderungen zu trotzen. Doch welche Entwicklungen treiben die Reiseprofis gerade um? Und wie ist die Stimmung am Counter? Wir haben uns einmal umgehört.
Eric Apel, Urlaubsagenten, Naumburg an der Saale: „Eine der größten Herausforderungen in diesem Jahr ist der Umgang mit Vergleichsportalen wie Check 24 und dem Thema Cashback. Stationäre Reisebüros können mit diesen Rückvergütungsmodellen kaum mithalten. Entsprechend stehen wir vor der Aufgabe, einen professionellen Umgang mit der wachsenden Zahl an Rabattanfragen zu finden. Zusätzlich sorgt das weltpolitische Geschehen für Zurückhaltung bei vielen Kunden und Buchungen werden aufgeschoben. Die aktuelle Entwicklung deutet darauf hin, dass der Januar deutlich schwächer ausfallen könnte als in den Vorjahren.“





Sabine Brinkmann, Briotours, Wittingen: „Die größte Herausforderung in diesem Jahr wird mit Sicherheit der Umgang mit Rückvergütungen sein. Je teurer die Reisen werden, desto empfindlicher werden die Kunden. Immer öfter müssen wir uns rechtfertigen, weshalb wir keine Rabatte gewähren. Ebenfalls herausfordernd ist es, eine bezahlbare Reise für Familien zu finden. Eine Mitarbeiterin hat vor kurzem einen Reisepreisvergleich gestartet. Zahlte die Familie 2024 noch 6.000 Euro für einen Urlaub auf Kreta, so kostet die identische Reise nun 9.000 Euro. Kein Wunder, dass Familien aktuell sehr zurückhaltend sind.“
Tatjana Samat, TUI Reisebüro, Aschaffenburg: „Die Digitalisierung hat die Branche verändert. Die Kunden sind deutlich besser informiert als früher und buchen einfache Pauschalreisen leider immer häufiger online. Natürlich brauchen wir neben den großen, komplexen Reisen auch ein stabiles Tagesgeschäft. Daher wird es eine Herausforderung bleiben, verstärkt zu zeigen, was wir stationären Reisebüros alles können und wie wertvoll persönliche Beratung ist. Zusätzlich setzen uns die zunehmend aggressiven Cashback-Aktionen zu. Aufgrund der hohen Reisepreise ist es natürlich verständlich, dass Kunden immer preissensibler werden. Dennoch überrascht es, dass viele Menschen bereit sind, hohe Beträge einem anonymen Online-Portal anzuvertrauen, nur um einen kleinen Teil des Reisepreises zurückzuerhalten. Für das neue Jahr wünsche ich mir, dass unsere Kunden auch bei einfachen Buchungen an uns denken. Außerdem hoffe ich auf mehr Stabilität, damit wir ohne Streiks und politische Krisen vielen Menschen die schönste Zeit des Jahres ermöglichen können.“
Carmen Schiffer-Kesseler, City Reisebüro Carmen Schiffer, Neunkirchen: „Es gibt viele Herausforderungen: Zum Einen die steigenden Reisepreise, die vor allem Familien schwer treffen. Zum Anderen die vielen Cashback-Aktionen und die geopolitische Lage, die viele Kunden verunsichert. Dazu kommt das Thema KI. Künstliche Intelligenz hat zweifelsohne viele Vorteile. Aber es gibt auch einige Nachteile. Erst gestern hingen wir wieder in der Warteschleife eines Flusskreuzfahrtanbieters und mussten sieben Minuten lang einem Chatbot erklären, was unser Anliegen ist. Die Kunden saßen derweil vor uns. Das ist nicht sehr praktisch und stiehlt uns unsere Zeit. “
Ben Schneider, Auszeit endlich Urlaub, Hemhofen: „Wenn wir effizient arbeiten und erfolgreich verkaufen wollen, muss sich die Branche technologisch konsequent weiterentwickeln. Dafür braucht es mehr Innovationsbereitschaft und den Mut, neue Werkzeuge in den Alltag zu integrieren. KI ist dabei kein Zukunftsthema mehr, sondern ein konkreter Hebel für Produktivität und Beratungsqualität. Wir setzen KI im Team bereits intensiv ein. So habe ich beispielsweise einen Prompt zur strukturierten Bedarfsermittlung entwickelt, der Kundenwünsche systematisch abfragt, priorisiert und daraus passgenaue Empfehlungen ableitet. Parallel stehen wir auch vor einer strategischen Herausforderung: Das klassische Brot-und-Butter-Geschäft, insbesondere die Standard-Pauschalreise, wandert zunehmend zu Online-Anbietern. Für Reisebüros bedeutet das: Wir müssen unseren Service, unsere Expertise und unseren Mehrwert noch klarer herausarbeiten und stärker in Nischen denken, die das Internet nicht abbildet.“



