Condor: „Die Strategie ist riskant, aber richtig“

Condor ist im vergangenen Geschäftsjahr kräftig gewachsen, unterm Strich steht aber ein Verlust von 110 Millionen Euro – ein Minus, das hohe Investitionen in die Flottenmodernisierung und den Aufbau des City-Netzes widerspiegelt. Dennoch sieht Branchenexperte Gerald Wissel die Fluggesellschaft auf einem guten Weg: „Die Strategie ist riskant, aber richtig“, sagt er im Gespräch mit touristik aktuell.

Ein modernes Condor-Flugzeug mit auffälligem gelb-weiß gestreiften Design steht auf dem Rollfeld eines Flughafens unter blauem Himmel mit vereinzelten Wolken. Das Flugzeugmodell ist ein Airbus, bereit für den nächsten Abflug.
Wie geht’s mit Condor weiter? Die nächsten Weichen werden im Herbst gestellt. Foto: Condor

„Gute Chancen für mehr Wettbewerb“

Dies gilt nach Meinung des Airline-Beraters vor allem für das neue Netzwerk von Städteverbindungen im Inland und Europa, um die weggefallenen Zubringerdienste von Lufthansa zu kompensieren. „Damit hat Condor gute Chancen, in Deutschland für mehr Wettbewerb zu sorgen – zumal die Kernmarke des Lufthansa-Konzerns derzeit schwächelt und Kapazitäten abbaut“, so Wissel. Ein großer Vorteil sei dabei die moderne Flotte, zudem könne Condor günstigere Preise bieten.

Auf der anderen Seite nehme durch das neue Städtenetz die Komplexität im Flugbetrieb zu. „Künftig müssen zum Beispiel die Bedürfnisse sowohl von klassischen Urlaubern als auch Geschäftsreisenden in der Operations unter einen Hut gebracht werden“, erläutert der Airline-Fachmann. Dazu komme, sich überhaupt erst einmal als Netzwerk-Carrier zu etablieren. „Condor wird bisher als Ferienflieger wahrgenommen. Um sich als Fluglinie auch für dezentrale Strecken bekannt zu machen, ist ein hoher Marketing-Aufwand nötig.“

„Wie verhält sich der Investor?“

All das bedeutet, weiteres Geld in die Hand zu nehmen. Dabei drücken hohe Investitionen in Flotte und Netzwerk schon jetzt die Bilanz, wie aus den jüngst präsentierten Geschäftszahlen hervorgeht. Demnach ist das operative Ergebnis zwar positiv, nach Steuern schlägt aber ein Verlust von gut 110 Millionen Euro zu Buche. Dies ist nicht nur auf interne Darlehen durch den Condor-Mehrheitseigner Attestor und hohe Leasing-Verbindlichkeiten der neuen Flugzeuge zurückzuführen, sondern auch auf einen zweistelligen Millionenbetrag zum Aufbau der City-Flüge.

Ein Mann im blauen Anzug sitzt in einem modernen Büro mit weißen und blauen Aktenordnern im Hintergrund, auf einem Regal steht ein Modellflugzeug. Das Bild vermittelt einen professionellen Geschäftskontext, passend für die Themen Luftfahrt, Airline-Management und Unternehmensberatung.
Ist von der Strategie der Airline überzeugt: Experte Gerald Wissel. Foto: Airborne Consulting

„Somit stellt sich die Frage: Wie verhält sich der Investor weiter?“, sagt Gerald Wissel auch mit Blick auf das Auslaufen des staatlichen Hilfsprogramms für Condor Ende September. Dann steht die Minderheitsbeteiligung von 49 Prozent der SG Luftfahrtgesellschaft, mit der die öffentliche Hand indirekt an der Airline beteiligt ist, zum Verkauf. Dazu wird am 30. September der Wert von Condor bewertet, um zu ermitteln, welchen Preis Attestor für eine Komplettübernahme bezahlen müsste.

Plädoyer für touristischen Investor

Bereits seit geraumer Zeit ist der britische Vermögensverwalter, der Condor 2021 mehrheitlich übernommen hatte, auf der Suche nach einem weiteren Investor. Aber Wissel rechnet damit, dass Attestor zunächst alle Anteile übernehmen muss: „In der momentanen Situation, in der sich die Branche befindet, wird es schwierig, jemanden ins Boot zu holen.“ Ideal wäre es, wenn sich statt eines Finanzinvestors ein touristisches Unternehmen beteiligen würde. „Damit könnte Condor gut aufgestellt werden.“