Wirtschaftsexpertin Kohl: „Die Krise ist gekommen, um zu bleiben“

Eine Frau in einem schwarz-weißen Kleid steht an einem Podium vor einer großen Präsentationsleinwand mit dem Logo des Lufthansa City Centers.
Wirtschaftsjournalistin Anja Kohl sprach den bei der LCC-Unternehmertagung Mut zu. Foto: Sebastian Gabsch für Lufthansa City Center

Geopolitische Konflikte, steigende Kosten, Künstliche Intelligenz und ein tiefgreifender Wandel: Die Reisebranche steht vor großen Herausforderungen. Doch genau darin liegen auch Chancen. Wirtschaftsjournalistin Anja Kohl ordnete im Rahmen der Unternehmertagung des Reisebüro-Verbunds Lufthansa City Center die aktuellen Entwicklungen im gesamtwirtschaftlichen Kontext ein.

Ihre Botschaft: Die großen Rahmenbedingungen lassen sich nicht beeinflussen, wohl aber der eigene Umgang damit. „Sie müssen umsetzen, Sie müssen machen“, lautete ihr Appell. Denn die Krise sei kein Ausnahmezustand mehr, sondern der neue Normalzustand.

Gleichzeitig machte Kohl Mut: Die Reisebranche habe angesichts von Pandemie, Terroranschlägen, Naturkatastrophen, Kriegen, Streiks, Inflation und politischen Umbrüchen vielfach bewiesen, wie anpassungsfähig sie sei. „Sie haben mehr Krisen-Management betrieben als manche Krisen-Manager“, sagte sie. „Und wissen Sie, was das Wichtigste ist? Sie sind immer noch da.“

Transformation statt Stillstand

Deutschland und die Weltwirtschaft befänden sich mitten in einer großen Transformation. Unternehmen müssten die Chancen dieser Entwicklung nutzen – etwa bei der Dekarbonisierung und beim nachhaltigen Wirtschaften.

Die Veränderungsgeschwindigkeit sei so hoch wie nie zuvor. Selbst große Technologieunternehmen wüssten nicht, wohin die Entwicklung führe. Sicher ist für die Wirtschaftsjournalistin jedoch: Wer nicht mitgeht, verliert den Anschluss.

Geopolitik verändert Märkte und Reiseströme

Die Konflikte im Nahen Osten beeinflussten aktuell die Weltwirtschaft und sorgten für Unsicherheit. Kohls Einschätzung: Das Wachstum werde etwas schwächer ausfallen, die Inflation höher bleiben und die Kaufkraft sinken. Für die Reisebranche bedeute das: Kunden werden preissensibler. Auch die Energiepreise wirken direkt auf die Branche. Besonders Airlines müssen ihre Kalkulationen regelmäßig anpassen. Reisen werde nicht wieder „billig“, sondern tendenziell teurer. Für Reiseunternehmen gewinne deshalb ein anderer Faktor an Bedeutung: Vertrauen.

Vertrauen als wichtigste Währung

„Ihre wichtigste Währung ist nicht der Preis“, betonte Kohl. Reisebüros könnten gerade in Krisenzeiten punkten, wenn sie Sicherheit, Orientierung und Verlässlichkeit böten.

Die Kunden müssten spüren: „Wir machen das schon.“ Entscheidend sei eine proaktive Kommunikation im Fall einer Krise. Wer frühzeitig informiere, Alternativen anbiete und Lösungen vorbereite, stärke die Bindung.

Genau darin liege der Vorteil gegenüber Online-Anbietern: persönliche Nähe, Fachwissen und die Fähigkeit, Krisen für den Kunden zu managen.

KI als Chance – der Faktor Mensch bleibt entscheidend

Auch Künstliche Intelligenz werde die Branche nachhaltig verändern. Bestimmte Aufgaben könnten automatisiert werden, doch die persönliche Beratung bleibe ein entscheidender Faktor.

Kohl machte aber auch klar: Reisebüros, die KI nicht nutzen, könnten langfristig ins Hintertreffen geraten. Digitale Werkzeuge ermöglichen bessere Datenanalysen, individuellere Angebote und mehr Zeit für echte Beratung.

Nachhaltigkeit bleibt ein Zukunftsthema

Beim Thema Nachhaltigkeit warnte Kohl davor, nachzulassen. Auch wenn der Begriff an Strahlkraft verloren habe, bleibe das Thema relevant. Dahinter stehen Fragen wie Ressourceneffizienz, Naturschutz und Zukunftsfähigkeit. Reiseberater müssten künftig stärker mitdenken: Welche Destination passt zu welcher Jahreszeit? Wo entstehen Belastungen durch Besucherströme? Welche Alternativen gibt es? Nachhaltigkeit werde damit zunehmend Teil professioneller Reiseberatung.

Auch nach Einschätzung von LCC-Geschäftsführer Markus Orth können Reisebüros die Krise als Chance für sich nutzen.