Abu Dhabi: Cezanne in der Wüste

Sie wünschten sich nichts weniger als ein architektonisches Weltwunder. Aber auch einen Superlativ, der nicht nur für großes Selbstbewusstsein und schnöden Mammon steht wie der Wolkenkratzer Burj Khalifa bei den ewigen Rivalen im Nachbaremirat Dubai. Nämlich ein Gebäude, das sie endlich auch als Ort der Kultur ins Scheinwerferlicht rückt. Die Scheichs haben es bekommen: Der im November eröffnete Louvre ist das neue Wahrzeichen von Abu Dhabi.

Munterer Kultur-Mix

„Sieh die Menschheit in einem anderen Licht“: Das ist Anspruch und Slogan des neuen Kunstmuseums. Es will in zwölf eisgekühlten Ausstellungsräumen nichts weniger als die komplette Geschichte der Zivilisation erzählen, von den ersten Siedlungen der Urmenschen bis zum globalisierten 21. Jahrhundert. Zwar findet man auch Leonardo da Vincis berühmtes Gemälde „La Belle Ferronière“ und einen van Gogh, dazu viele Franzosen von Cezanne über Degas bis Manet und Monet. Doch der Fokus liegt gerade nicht auf Europa: Objekte von allen Kontinenten und aus unterschiedlichen Kulturkreisen werden munter kombiniert.

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Wer dann ins Freie tritt, wird ein zweites Mal geblendet. Denn über all der Pracht wölbt sich eine gigantische Kuppel mit einem Durchmesser von 180 Metern, perforiert wie ein Abtropfsieb. Durch die netzartige Struktur schießt die Sonne und zaubert weiße Lichtflecken auf den grauen Steinboden – für den Architekten Jean Nouvel ein „Regen aus Licht“.

Was da in den Sand gesetzt wurde, kann sich sehen lassen. Abu Dhabi hat sich das Projekt allerdings eine schöne Stange Geld kosten lassen. Kolportiert wird – noch ohne den Aufwand für den Bau – die Summe von einer Milliarde Euro. Dafür darf der Ableger den Namen des Pariser Mutterhauses 30 Jahre lang nutzen; die Franzosen schulen auch lokale Kuratoren. Für Abwechslung in den Ausstellungen ist gesorgt: Der Louvre am Persischen Golf bekommt bis 2027 jährlich bis zu 300 Kunstwerke aus 13 französischen Museen ausgeliehen.

Saadiyat Island, nur ein paar Autominuten entfernt vom Stadtzentrum Abu Dhabis, wird sich parallel zu einem Kultur-Hotspot entwickeln. Weltberühmte Architekten haben Entwürfe für Gebäude geliefert, die alle neben dem neuen Louvre entstehen sollen: Norman Foster für ein Nationalmuseum, Frank Gehry für ein Guggenheim-Museum, Tadao Ando für ein Meeresmuseum und Zaha Hadid für ein Zentrum für Darstellende Kunst. Alles werde gebaut, heißt es, doch Eröffnungstermine nennt niemand. Vielleicht auch, weil es wegen der schlechten Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter in den Emiraten Boykottaufrufe gibt.

Grenzen austesten

Unabhängig von den staatlichen Großprojekten entwickelt sich in Abu Dhabi auch eine kleine Kunstszene. Die New York University hat hier einen Campus eröffnet, auf dem sich auch eine Galerie versteckt. Hier hat Direktorin Maya Allison jüngst die Ausstellung „But We Cannot See Them“ eröffnet. „Wir wollten zeigen, dass es in den Emiraten seit den 80er Jahren Künstler gibt – nur hat die Welt sie lange übersehen“, erklärt die Kuratorin.

Die kommerzielle Etihad Modern Art Gallery im Stadtzentrum schlägt in ihren Wechselausstellungen ebenfalls Brücken zwischen Arabien und dem Rest der Welt – und verpflegt Besucher nebenan im Art House Café, das mit den aus Abfall hergestellten Möbeln auch als Berliner Szenekneipe durchgehen würde.

Die Avantgarde der Emirate zeigt im Hafenareal das Warehouse 421: Hier sind große Installationen und Videoprojektionen zu sehen. Religion, Nacktheit und Herrschaftskritik sind zwar sensible Themen. Doch wer genau hinsieht, merkt, dass manch ein Werk die Grenzen des Erlaubten austestet.

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