
Das gemächliche Leben in dem Emirat wird bald vorbei sein

Es ging nicht, denn beim nachmittäglichen Netzeflicken müssen die Fischer von Fujairah ihre Blicke auf das Geflecht richten, um nichts falsch zu machen. Morgen werden sie in aller Frühe wieder auf den Indischen Ozean hinausfahren, und alles beginnt von vorne. Auf See, da ist alles wie früher, aber in Fujairah hat man jetzt auch vierspurige Straßen gebaut. Und Kleinlaster der Fischhändler warten schon, wenn die Boote zurückkehren, mancher mit laufendem Motor und meistens hupt irgendwer. Ein paar Hochhäuser hat man hochgezogen, und der Handyempfang ist jetzt sogar draußen auf See ganz gut. Die Zeiten haben sich geändert – auch im Reich von Scheich Hamad bin Saif al-Sharqi.
Fujairah war immer abgelegener als die anderen sechs Emirate. Nach Osten wie nach Westen grenzt es an Oman, nach Norden an die Hajar-Berge und Wüste, nach Süden an die Weite des Indischen Ozeans. Hier musste man ohne eigenes Öl auskommen und war aufs Meer sowie die Oasen angewiesen, wenn es darum ging, mit irgendetwas Erträge zu erzielen: Fische und Orangen, Zitronen, Mangos, sogar Wassermelonen. Die Leute hier waren die letzten in den Emiraten, die im Alltag noch Krummdolche am Gürtel trugen, die letzten, in deren Reich hinein nur Maultierpfade führten.
Anfang der 1970er Jahre wurde die Straße durch die Berge gesprengt, erst 2012 kam eine zweite als Alternativroute hinzu, um die inzwischen überforderte Piste zu entlasten. Die neue Autobahn aus Dubai ist nötig geworden, weil Fujairahs großer Boom nun unmittelbar bevorsteht. Denn kürzlich ist die für drei Milliarden Dollar errichtete Pipeline aus Abu Dhabi fertig geworden. Und schon bald sollen bis zu 70 Prozent der täglichen Ölförderung diesen Weg nehmen.
So wird schon bald die gemächliche und überschaubare Stadt mit ihren Schachbrettstraßen, den paar Türmen aus Stahl und Beton und den vielen Flachbauten aus allen Nähten platzen, ihr Gesicht verändern. Auf 180.000 Einwohner ist Fujairah bereits angewachsen, nachdem es lange Jahre um die 100.000 waren. Jetzt rechnet man mit einem Zuwachs von jährlich mindestens zehn Prozent – Arbeiter ebenso wie Ingenieure, Kaufleute, Immobilienmakler und Hoteliers. Und mittendrin immer mehr Urlauber.
Scheich Hamad ist schon vor längerer Zeit in einen neuen Palast umgezogen, weil es auf Dauer bequemer war, als weiter im Lehm-Fort seiner Vorfahren auf einem Hügel im Stadtzentrum zu wohnen. Es soll bereits seit ein paar Jahren restauriert und als Museum eröffnet werden. Geschehen ist das noch nicht – weil der Mann auf dem Herrscherstuhl, der als bodenständig gilt, dort in Gedanken noch immer zuhause ist. Trotzdem muss sich beeilen, wer das alte Fujairah noch erleben will.


