Die Wiege der Osmanen

Gruppe von Menschen vor einem schlichten Café an einer Straße nahe des Agri
Er wurde als Rentner zum Social-Media-Star: „Starbucks“-Ahmet mit Reiseleiter Volcan Asli (rechts) und Matthias Gürtler (ta, links) vor seinem Café an einer Straße nahe des Agri
Christliche ­Kirche auf der ­Insel Akdamar im Van-See
Christliche ­Kirche auf der ­Insel Akdamar im Van-See. Fotos: ta/mg

Der alte Mann ist neugierig. Was der Reiseführer gerade erzählt? „Ich erkläre den Gästen die Geschichte von Erzurum“, so die Antwort. „Sind die Gäste Moslems?“, kommt als Gegenfrage. „Nein.“ Die Antwort: „Dann ­frage sie, ob sie es werden wollen.“

Wir stehen vor der rund 1.000 Jahre alten Cifte Minareli Medrese von Erzurum. Die osttürkische Stadt liegt rund 1.900 Meter über dem Meeresspiegel und ist damit die höchstgelegene Stadt der Türkei. Sie kann mit gleich zwei gut erhaltenen Medresen dienen. Das Wort beschreibt wissenschaftliche Lehranstalten – bekannt sind sie vor allem aus Vorder- und Zentralasien.

Aber auch Erzurum kann sich sehen lassen. Wie die alte Karawanserei, die in ihrem Innenhof analog zu früher Geschäfte beherbergt, die gleichzeitig als Café dienen, stehen die beiden Medresen für eine wechselvolle Geschichte. An der historischen Seidenstraße gelegen, erlebte Erzurum akkadische, assyrische und griechische Herrscher. Die Stadt war Teil des oströmischen Reiches und ein Zentrum der urtürkischen Seldschuken. Sie wurde von Mongolen zerstört und erlebte im 16. Jahrhundert unter Sultan Süleyman glänzende Zeiten.

Heute ist Erzurum eine moderne Großstadt und viel liberaler, als man sich eine osttürkische Stadt vorstellt. „Hier hat sich in den letzten 15 Jahren viel zum Positiven geändert. Es ist nicht mehr das Ende der Welt“, sagt ein Mann, der wie viele hier sehr gut Deutsch spricht. Dann zeigt er auf die Berge südlich der Stadt: „Dort oben ist eines von 56 Skigebieten der Türkei. Es ist sehr modern. Ihr müsst im Winter wiederkommen.“

Für uns ist Erzurum der Auftakt zu einer Gruppenrundreise, die in dieser Form aktuell nur von Ikarus Tours angeboten wird. Sie führt uns anschließend in die antike Stadt Ani, die im sechsten Jahrhundert vor Christus gegründet wurde. Später wurde sie ein Zentrum der Urartäer. Sie gelten als die Ur-Vorfahren der heutigen Türken. Ist Ani die Wiege der Türkei? Vielleicht, aber wer weiß das schon genau.

Ani erlebte im zehnten Jahrhundert nach Christus mit rund 100.000 Einwohnern seine Blüte. Die Stadtmauer soll über 40 Türme gehabt haben – zudem gab es ebensoviele christliche Kirchen. Die Mauer ist zum Teil wiederaufgebaut, zwei Kirchen werden gerade restauriert. Seit 2017 ist Ani „Welterbe der Menschheit“. Der Besuch ist beeindruckend.

Den Abend verbringen wir in Kars, übernachten im historischen Hotel Cheltikov mit russischer Vergangenheit und genießen die regionalen Spezialitäten inklusive Gänsebraten. Ein Traum.

Tags darauf führt unsere Tour am Arche-Noah-Berg Agri (Ararat) vorbei. Der Fahrer kennt sich aus und stoppt bei „Starbucks“-Ahmet. Seit sechs Jahren verkauft er direkt an der Straße Caj. Das eigentliche Highlight ist der Agri – inzwischen ist aber auch Ahmet ein Star. „Die Idee mit Starbucks hatte mein Enkel, Sie war gut. Social Media hat mich bekannt gemacht.“

Weiter geht es entlang der Grenze zu Armenien. Die Straßen sind perfekt ausgebaut und ziemlich leer, die Menschen aufgeschlossen und freundlich. „Die Ost-Türkei ist traditioneller und ruhiger als die West-Türkei, aber wunderbar zu 
bereisen“, sagt unser Reiseführer Volkan Asli, der schon mit vielen Gruppen hier war. Wir können seine Erfahrungen nur bestätigen.

Zum Ende der Reise genießen wir die entspannte Stimmung eines Sonntagnachmittags in Van. Die Stadt selbst ist abgesehen von der großartigen Burg aus urartäischen Zeiten nicht sehenswert, doch die Atmosphäre ist wunderbar: Die Menschen flanieren und shoppen, Paare stehen Händchen haltend in einer Juice-Bar. Iranische Touristinnen genießen die Freiheit eines säkularen Staates, die Grenze ist nur rund 100 Kilometer entfernt. Im Süden liegt der Irak, im Norden die geschlossene Grenze zu Armenien.

Der Landweg zum christlichen Nachbarn im Norden könnte sich bald wieder öffnen. „Trotz all der Spannungen nähern sich unsere Regierungen wieder an. Das ist ein gutes Zeichen“, sagte ein deutschsprachiger Türke, als wir auf unserer Fahrt nach Van für einen kleinen Teestop im Grenzort Hakislak stoppen.

Gemütlich sitzen wir dort unter Apfelbäumen in einem Garten. Und worauf kommt die Sprache? Auf Kreuzberg in Berlin. Er sei selbst nur auf Urlaub hier, aber er genieße es immer wieder, diese entlegene, aber „wunderschöne Region“ zu besuchen. Dem können wir uns nur anschließen.