Viele Reisebüros unterschätzen Tiktok noch immer – zu Unrecht, sagt Tourismus-Turn-Gründer Marvin Schoenberg. Im gemeinsamen Webinar von Reisebüro24 und touristik aktuell zeigte er, warum kurze, authentische Videos zum entscheidenden Vertriebsvorteil werden können.
Lustige Katzenvideos, unnütze Informationen, Zeitfresser – die Vorbehalte gegenüber Tiktok sind groß. Das zeigte auch eine kurze Umfrage, die Marvin Schoenberg von Tourismus Turn unter den Teilnehmern des Webinars „Tiktok im Reisebüro“ durchführte. Nicht wenige gaben an, die soziale Plattform bislang nicht als ernst zu nehmendes Marketing-Instrument zu nutzen – und wurden im Laufe der Schulung eines Besseren belehrt. Denn Schoenberg nutzte die Gelegenheit, um mit einigen Mythen aufzuräumen. „Viele beurteilen Tiktok aus privater Sicht. Entscheidend ist aber die Perspektive des Unternehmers“, sagte der 32-Jährige. Reisebüros sollten prüfen, ob die Plattform Reichweite und Mehrwert bringt.
Die Zahlen sprechen für sich: Weltweit nutzen laut Schoenberg rund 1,2 Milliarden Menschen Tiktok, in Deutschland sind es 15 bis 20 Millionen – und es werden täglich mehr. Besonders aktiv sind 16– bis 34-Jährige (71 Prozent), gefolgt von den 35– bis 50-Jährigen (23 Prozent). „Genau diese Zielgruppen sind in Reisebüros nicht mehr so präsent – und genau sie gilt es zu erreichen“, so Schoenberg.
Ein starkes Argument für die Nutzung von Tiktok ist die Verweildauer: Im Durchschnitt 50 bis 60 Minuten pro Tag ist ein User auf der Plattform unterwegs. „Das heißt: Ihr habt fast eine Stunde Zeit, um mit euren Inhalten Aufmerksamkeit zu gewinnen. Vergleicht das mal mit Flyern oder Katalogen.“
Emotionen zeigen
Auch mit einem weiteren Vorurteil räumte der Experte auf: „Im Gegensatz zu Instagram und Facebook braucht ihr auf Tiktok nicht zig-tausend Follower, um erfolgreich zu sein. Tatsächlich könnt ihr mit wenig Aufwand eine große Reichweite erreichen.“
Wie das aussehen kann, zeigte Schoenberg anhand von mehreren Beispielen: In einem Video „Travel with us to Cancun“ ist eine Hand mit einem Reisepass zu sehen. Nach einem Fingerschnips sieht man ein Flugzeug auf einem Rollfeld, einen weiteren Fingerschnips später durch ein Flugzeugfenster die Wolken und dann den Strand. Untermalt wird das Video mit der Titelmelodie von The Addams Family.
Ebenso einfach wie effektiv das zweite Beispielvideo: Eine junge Frau schaut in die Kamera, während das Reiseziel auf ihrem Ticket rasch wechselt – bis es bei Istanbul stoppt. „Das kommt gut an, weil die Frau Emotionen zeigt und gerade das funktioniert bei Tiktok sehr gut“, erläuterte Schoenberg.
Duett-Funktion nutzen
Im dritten Beispielvideo sind ein Mann und eine Frau am Flughafen zu sehen. Beide rennen auf das Smartphone zu, das auf dem Boden platziert ist, springen drüber und befinden sich in der nächsten Sekunde in schrillen Badeklamotten am Hotelpool. „Es lohnt sich, auch den Unterhaltungsfaktor im Blick zu behalten.“
Ein weiteres hilfreiches Tool ist die Duett-Funktion. Dabei werden zwei Videos nebeneinander abgespielt – zum Beispiel Aufnahmen aus einer Destination und daneben eine Person, die diese Aufnahmen kommentiert. „Das wäre auch etwas für einen Famtrip. In einem Beitrag zeigt ihr Bilder aus der Destination oder von Hotels, im anderen zeigt ihr euch selbst. So bringt ihr eure Persönlichkeit auf die Plattform. Und genau darum geht es.“ Gesichter erzeugten Vertrauen – „in euch und eure Dienstleistung“.
Obwohl Tiktok-Videos bis zu zehn Minuten lang sein können, empfahl Schoenberg kurze und vor allem knackige Clips bis maximal 30 Sekunden. „Ohne zu weit zu gehen: Man kann mit Tiktok auch indirekt Geld verdienen, über Lives oder Videos; die müssen dann aber länger als 60 Sekunden sein.“ Perfektion sei dabei nicht entscheidend: „Es geht vielmehr um Authentizität.“ Zudem sollten Videos mit Untertiteln versehen werden. Das werde vom Algorithmus honoriert.
„Einfach mal ausprobieren“
Doch was macht man, wenn die Kollegen sich nicht vor der Kamera zeigen möchten? Marvin Schoenberg kennt dieses Problem nur zur Genüge. „Da braucht es Fingerspitzengefühl und viel Empathie.“ Meist gehe es um Ängste und Un-sicherheit. „Da hilft nur offene, transparente Kommunikation, zuzuhören und zu verstehen“, sagte er, fügte jedoch hinzu: „Im Jahr 2025 sollte es selbstverständlich sein, dass man sich vor der Kamera bewegt, wenn man im Vertrieb arbeitet. Man sollte es einfach mal ausprobieren.“
Die Frage, ob Insta-Reels auch für Tiktok verwendet werden können, verneinte Schoenberg. Theoretisch sei es möglich, wenn das Reel mit einem externen Schnittprogramm wie Capcut erstellt worden ist. „Dann hat es kein Wasserzeichen und kann auch für Tiktok genutzt werden.“ Allerdings unterschieden sich die gut performenden Inhalte auf den beiden sozialen Plattformen deutlich. „Auf Tiktok lohnt es sich, kurzen, schnellen, ultrapersönlichen und humorvollen Content hochzuladen.“ Beide Plattformen sollten getrennt voneinander bespielt werden – und zwar regelmäßig.
Tiktok funktioniert über Häufigkeit
Tiktok funktioniert laut Schoenberg auch über Häufigkeit. Viele Profis posten mehrfach am Tag – „aber für den Anfang ist auch weniger Content in Ordnung“. Je versierter Reisebüros werden, desto öfter sollten sie posten, um eine Community aufzubauen. „Und die müsst ihr auch pflegen, das heißt, ihr müsst auf Kommentare antworten und regelmäßige Call-to-Action in eure Beiträge in eure Beiträge einbauen.“
Auch wenn das Bespielen eines Kanals einige Zeit in Anspruch nimmt, so lohnt sich das Engagement, sagt Marvin Schoenberg. „Tiktok ist zu einem wichtigen Vertriebskanal geworden.“ Und Reisebüros könnten sich, wenn sie jetzt aktiv würden, einen wichtigen Wettbewerbsvorteil sichern. „Denn noch immer nutzen viel zu wenige Reiseverkäufer diesen Kanal.“


