Heute Abend trifft Deutschland im WM-Sechzehntelfinale auf Paraguay. Die Südamerikaner standen bereits neunmal bei einer Fußball-Weltmeisterschaft auf dem Platz und erreichten 2010 sogar das Viertelfinale. Als Reiseziel dagegen fliegt das Land bis heute weitgehend unter dem Radar.
Dabei stellt sich die Frage: Warum eigentlich?

Südamerika ohne Touristenströme
Wer an Südamerika denkt, hat meist Brasilien, Argentinien oder Peru vor Augen. Paraguay schafft es dagegen nur selten auf die Wunschliste vieler Reisender. Das Binnenland besitzt weder Traumstrände noch Andengipfel – und wird auf Rundreisen häufig einfach ausgelassen.
Doch gerade das macht für viele Besucher den Reiz aus. Statt großer Touristenströme erleben sie hier ein vergleichsweise ursprüngliches Südamerika. Der Rio Paraguay teilt das Land in zwei völlig unterschiedliche Regionen: Im Westen erstreckt sich der dünn besiedelte Gran Chaco, ein riesiges Savannen-, Busch- und Feuchtgebiet, das rund 60 Prozent der Landesfläche einnimmt. Im Osten liegen die Hauptstadt Asuncion, historische Orte und fruchtbare Landschaften – hier leben auch mehr als 95 Prozent der Bevölkerung.
Ganz unbekannt ist Paraguay in der Touristik allerdings nicht. Spezialveranstalter wie Miller Reisen haben das Land seit Jahren im Programm und kombinieren es häufig mit Argentinien, Brasilien oder Bolivien. Besonders gefragt sind Rundreisen durch den Gran Chaco, Aufenthalte auf Estancias und Ausflüge zu den Iguazu-Wasserfällen im Dreiländereck.
Unesco-Welterbe fast ohne Warteschlangen
Zu den größten Sehenswürdigkeiten Paraguays zählen die Jesuitenmissionen La Santisima Trinidad de Parana und Jesus de Tavarangue. Die Ruinen aus dem 17. und 18. Jahrhundert gehören zum Unesco-Welterbe und gelten als die besterhaltenen Jesuitenmissionen Südamerikas.
Während sich an vielen berühmten Welterbestätten Besucher drängen, geht es hier meist erstaunlich ruhig zu. Wer durch die weitläufigen Ruinen spaziert, hat gute Chancen, die beeindruckenden Anlagen fast für sich allein zu erkunden – ein Luxus, der an vielen anderen Unesco-Stätten längst selten geworden ist.
Mate? Aber bitte eiskalt
Auch im Alltag überrascht Paraguay mit Besonderheiten. Während Mate in Argentinien oder Uruguay traditionell heiß getrunken wird, greifen die Paraguayer lieber zu Tereré – Yerba Mate mit eiskaltem Wasser oder Eiswürfeln, oft verfeinert mit Minze, Zitronengras oder anderen Kräutern.
An heißen Sommertagen gehört der Becher praktisch überall dazu: auf Parkbänken, im Büro, beim Fußball oder auf langen Autofahrten. Getrunken wird traditionell gemeinsam aus einem Gefäß mit Metallhalm. Die Kultur rund um den Tereré wurde 2020 sogar von der Unesco als immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Zwei Sprachen, eine Identität
Wer zum ersten Mal nach Paraguay reist, wundert sich oft über die Sprache. Zwar ist Spanisch Amtssprache, im Alltag hört man jedoch ebenso häufig Guaraní – die Sprache der indigenen Bevölkerung.
Paraguay gehört zu den wenigen Ländern Amerikas, in denen eine indigene Sprache von einem Großteil der Bevölkerung gesprochen wird – unabhängig von der Herkunft. Viele Paraguayer wechseln sogar ganz selbstverständlich mitten im Satz zwischen Spanisch und Guaraní. Die Sprache ist damit weit mehr als ein kulturelles Erbe – sie gehört bis heute zum Alltag und zur nationalen Identität.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Paraguay für viele Reisende so authentisch wirkt. Vielleicht sorgt Paraguay heute auf dem Fußballplatz für Gesprächsstoff – als Reiseziel hätte das Land ihn schon längst verdient.



