Azubi-Krise als Chance: Wie ein Reisebüro Ausbildung neu denkt

Gerade erst hat der DRV auf die weiter sinkenden Azubi-Zahlen hingewiesen. Dies sei ein „deutliches Warnsignal“, sagte DRV-Präsident Albin Loidl und forderte, die Rahmenbedingung für eine attraktive Ausbildung zu verbessern. Ein Reisebüro-Inhaber, der neue Wege beim Thema Ausbildung geht, ist Michael Vospohl. Er hat seiner Tochter genau zugehört und Ideen umgesetzt.

Eine Ausbildung im Reisebüro wollte Elisa Vospohl eigentlich nicht absolvieren. Weshalb, erläuterte sie ihren Eltern, ­Michael und Claudia, eines Abends am Küchentisch. Das Gespräch öffnete den Inhabern der TUI Travel Star Reiseagentur Vospohl mit zwei Filialen in Dorsten die Augen. „Es war ein leidenschaftlicher Appell meiner Tochter – gefühlt einer gesamten Generation, der so vieles für uns in Bewegung gesetzt hat“, sagt der 57-Jährige.

Fokus auf flexible Arbeitszeiten

Besprochen wurden hauptsächlich die Themen zu geringer Lohn, die starren Arbeitszeiten bis 18.30 Uhr und fehlende Flexibilität – „alles Dinge, die man leicht ändern kann und über die wir zuvor nie nachgedacht hatten“, sagt Vospohl. So sei ihm erst im Gespräch mit Elisa so richtig bewusst geworden, wie niedrig der vorgegebene Lohn für Auszubildende sei. „Mal ehrlich: Wer kann denn von so wenig Gehalt leben?“

Die Konsequenzen waren weitreichend: Nicht nur der Lohn wurde daraufhin auf 1.000 Euro pro Monat erhöht und um einen Tankgutschein ergänzt. Gleichzeitig führte das Unternehmen flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten ein – nun sogar für alle Mitarbeiter. Voraussetzung bleibt lediglich, dass die Betreuung der Laufkundschaft sichergestellt ist.

Inhaber setzt auf Vertrauen und Verantwortung

Dass zu einem solchen Arbeitszeitmodell viel Vertrauen gehört, ist Michael Vospohl durchaus bewusst. Gleichzeitig steige dadurch die Motivation „und der Job wird für junge Menschen interessant, die andere Bedürfnisse haben“.

Drei Personen sitzen entspannt auf einem Sofa in einem modern eingerichteten Reisebüro mit Pflanzen und warmem Licht; sie blicken in die Kamera und lächeln, im Hintergrund sind Beratungsbereiche und ein Empfangstresen zu sehen.
Chef Michael Vospohl und seine Azubis 
Celine Denkhaus und Eric Hellerberg. Foto: TUI Travel Star Reiseagentur Vospohl


Die Bereitschaft ihrer Eltern zur Veränderung, wunderte und überzeugte Elisa schließlich, doch eine Ausbildung zu absolvieren, die sie in kürzester Zeit und als beste Auszubildende deutschlandweit abschloss. Doch nicht nur darauf sind ihre Eltern stolz. „Wir sind dankbar, dass Elisa uns die Augen geöffnet hat und wir wieder richtig Lust auf das Thema Ausbildung haben. Denn wir können von den jungen Leuten so vieles ­lernen“, sagt Michael Vospohl.

Heute bilden die Unternehmer drei Nachwuchskräfte aus und setzen früh auf Verantwortung. Die Auszubildenden betreuen unter anderem ­eine neu entwickelte Kundenservice-App, über die Termine, Reisen und Zusatzleistungen gebucht werden können. Für einen neu ins Leben gerufenen kostenpflichtigen Online-Check-in-Service erhalten sie die Einnahmen direkt – ein zusätzlicher Anreiz.
Nicht nur Projekte wie die Betreuung der App oder der Social-Media-Kanäle werden den Auszubildenden übertragen. Sie dürfen und sollen auch sofort auf Inforeisen gehen.

Azubis dürfen an Famtrips teilnehmen

„Die Auszubildende, die wir nach Elisa eingestellt haben, war erst drei Tage bei uns im Büro, bevor sie mit Alltours in die die Türkei reiste.“ Die Kosten für die Famtrips übernimmt das ­Reisebüro. Urlaub müssen weder die Azubis noch die Mitarbeiter nehmen. Für Michael ­Vospohl und seine Frau Claudia eine Selbstverständlichkeit. „Wer im Reisebüro arbeitet, will doch reisen und muss raus in die Welt, Dinge ­erleben und Erfahrungen sammeln. Nur so kann man Kunden auch ­authentisch beraten.“

Dass nicht in allen Reisebüros Azubis auf Info-reisen gehen dürfen oder Projekte übertragen bekommen, weiß Michael Vospohl auch aus 
Erzählungen seiner Tochter Elisa. „Es gibt leider noch immer Büros, in denen Auszubildende ­lediglich Kataloge einräumen und Kaffee ­kochen dürfen. Dagegen müssen wir etwas tun“, sagt der Experte, der auch im Beirat der Kooperation TUI Travel Star sitzt.
Mit seiner Kooperation ist er im regen Austausch. TUI Travel Star hat mittlerweile ein „Young-Stars-Programm“ aufgelegt, das sich nur an Azubis und Quer-­einsteiger richtet, alles im Rahmen der „TTS-Travel Akademie“. „Das ist schon einmal ein großer Schritt in die richtige Richtung“, sagt Vospohl. Seine Azubis sind von Anfang an mit viel Begeisterung dabei.

Er rät allen Kollegen, neue Wege zu gehen und vor allem: „Wir müssen uns einfach mal in die Sicht eines Azubis versetzen. Da merken wir schnell selbst, wie Ausbildung sein muss, um ­einen Beruf attraktiv zu gestalten. Wenn wir nicht jetzt auf den Nachwuchs und somit auf die Zukunft setzten, wann denn dann?“