Marokko

Ein kleines bisschen Cote d’Azur

Blick aus dem Atlantic Palace Hotel auf den Hafen von Agadir.

Agadir ist im Vergleich zu Marrakesch eine andere Welt

Im Sommer gut belebt: Fußgängerzone in Agadir.

Rund um den Robinson Club am Stadtrand türmen sich gewaltige Sanddünen. Fotos: mg, ras

Abends, wenn der Atlantik die Sonne verschluckt und die Lichter an der Strandpromenade erleuchten, wird der Küstenstreifen von Agadir zu einem belebten und beliebten Treffpunkt. Besucher aller Altersgruppen schlendern am Strand entlang, halten Ausschau nach einem Snack oder Souvenir und genießen die sanfte Meerbrise. Ein Hauch von Cote d'Azur weht über das Panorama.Die Corniche lädt ein zum Flanieren. Überhaupt: Agadir ist sehr französisch geprägt. Die Straßen heißen Avenues, münden in Verkehrsinseln und werden von Renault-Werbung flankiert.

Und doch versprüht die Stadt im Südwesten Marokkos einen ganz eigenen Charme. Französische Einflüsse verschmelzen mit spanischer, arabischer und berberischer Kultur zu einer eindrucksvollen Melange. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Musik. Verschiedene Klänge mischen sich ins Nachtleben. Aus Bars wummern laute Bässe, in einem orientalischen Café zupft ein Berber an seiner Sitar, und an einer Kreuzung trommelt ein Einheimischer auf einem Pandero. "Der Tag ist zum Sehen da, die Nacht zum Hören" - so lautet ein marokkanisches Sprichwort. Und die Stadt macht diesem Spruch alle Ehre.

Allerdings gibt es in Agadir auch nächtens einiges zu sehen: Auf dem Hausberg, dem Kasbah, funkeln nach Sonnenuntergang riesige Lettern. "Gott, der König und das Volk" ist darauf in arabischen Schriftzeichen geschrieben. "Das ist unsere Devise. Egal, was passiet", sagt Mohammed Sedrati, der Reiseleiter.

Marokkos Staatsverständnis gründet auf der Ehrfurcht vor Gott und dem König. Tatsächlich strahlt der Berg etwas Erhabenes aus. Zu jeder Uhrzeit. Und aus jedem Blickwinkel. Wer den Berg früh morgens erklimmt, dem eröffnet sich eine herrliche Aussicht auf die Bucht, wo sich das grün-blaue Meer bis zum Horizont erstreckt.

Auf dem Gipfel in rund 300 Metern Höhe befinden sich die Überreste einer alten Festung. "Früher", erzählt Sedrati, "hat man hier mit Kanonen auf Schiffe geschossen." Die Einheimischen mussten sich Angriffen der französischen und holländischen Flotte erwehren. Heute ist alles friedlich. Ein paar Fischerboote schaukeln im Hafen, die Wellen branden sachte ans Ufer.

Der Hafen von Agadir ist für Touristen frei zugänglich. Am Kontrollpunkt nickt ein freundlicher Herr in Uniform, dann lässt er den Besucher passieren. Der Pier ist von einem unbändigen Lärm erfüllt: Mopeds knattern über den Asphalt, Möwen kreischen, Waren werden unter dem Gebrüll der Arbeiter auf Schiffe verladen.

Fischer Hassan arbeitet schon lange hier. Jede Nacht um zwei Uhr sticht er mit seinen Kollegen in See, morgens zehn Uhr ist Feierabend. "Manchmal sind wir auch mehrere Tage auf dem Meer", sagt er. "Dann sehe ich meine Familie leider nicht." Hassan hat zwei Kinder. "Stimmt gar nicht", frotzelt ein Kollege, "du hast sicher mehr."

Die Stimmung ist gut. Die Fischer lachen herzlich. Und zeigen stolz ihren Fang: Forellen, Sardellen und Thunfisch. Die Fische werden gewaschen, gepökelt und konserviert. Das Gros wird exportiert. An guten Tagen kommen bis zu 40 Tonnen zusammen. Agadir ist bekannt für seinen guten Fisch. In der Marina, dem neu erbauten Hafenviertel, gibt es zahlreiche Schlemmer-Restaurants. Die weiß getünchten Häuser sind ein beliebtes Feriendomizil für wohlhabende Geschäftsleute aus Rabat oder Casablanca.

Freilich hat die gute Lage ihren Preis - ein Apartment kostet um die 500.000 Euro. Immerhin: Die Anlegestelle am Yachthafen ist inklusive. Ein paar Nummern kleiner geht es mit Jetski. Die agilen Wasserflitzer lassen sich überall am Strand anmieten. Marokkos König Mohammed VI. soll ein großer Fan der Boliden sein. Jedes Jahr im Sommer gibt sich die königliche Familie in Agadir die Ehre. Dort besitzt sie zwei luxuriöse Paläste. Vielleicht hat der Urlauber ja das Glück, nebst königlicher Hoheit zu baden. Wenn er ihn denn erkennt.
Adrian Lobe

Kommentar schreiben