Ukraine

Märchenhafte Kulisse

Blick vom Rathausturm auf die unzerstörte Altstadt von Lemberg.

Lemberg in der Ukraine zählt zu den Gastgebern der Fußball-EM 2012

Der Marktplatz mit Neptunbrunnen.

Zuckersüßes Lächeln: Süßigkeitenverkäuferin in der Altstadt. Fotos: hb

Dornröschen erwacht: Lviv, das frühere Lemberg, meldet sich zurück auf Europas Bühne. Für zwei Spiele der Fußball-EM 2012 empfängt die ukrainische Stadt bald die deutsche Nationalmannschaft. "Nicht im Krieg zerstört und auch danach nicht mit sowjetischer Tristesse verschandelt, ist Lemberg komplett erhalten geblieben", erzählt in perfektem Deutsch Olena Holyschewa, die Historikerin des Besucherbüros. Wer mit der Dame durch die Straßen tourt, bis die Füße schmerzen, muss sich auf einen Parforceritt durch die Geschichte einstellen: Renaissance, Barock, Klassizismus, Historismus, Jugendstil, Art Déco.

Später, wenn man die Stadt auf eigene Faust entdeckt, erspürt man auch die Stimmungen der Gegenwart. Bei den Babuschkas auf dem Markt, wo Kopftücher und weite Röcke die Kleiderordnung bestimmen. Abends, wenn Pärchen auf dem Prospekt vor der Oper flanieren. Oder nachts, wenn man nach dem Besuch einer Tanz-Performance im bröckelnden Les-Kurbas-Theater, einst Casino und Bordell, nicht nur die Straßenbahn durch die Gassen quietschen hört, sondern auch die Improvisationen des Saxofonisten aus dem Jazzclub.

Lemberg war einst eine der reichsten Städte Galiziens und später die nach Wien, Budapest und Prag viertwichtigste Metropole der Habsburgermonarchie. 750 Jahre Geschichte sind hier konserviert: eine überbordende Architekturpracht mit unzähligen Kirchen und repräsentativen Herrscher- und Handelshäusern. Restauratoren putzen das Weltkulturerbe heraus. Doch Lviv, wie die Stadt in der Ukraine genannt wird, ist kein Freilichtmuseum: 750 .000 Einwohner, darunter 150.000 Studenten, bringen Leben in die alten Gemäuer. "Europas unentdeckte Perle" erwache erst jetzt aus seinem Dornröschenschlaf, sagen Touristiker. Flüge aus Deutschland gibt es bislang nur ab München mit Lufthansa und ab Dortmund mit Wizzair (mehr Infos unter www.lviv.travel).

Dabei gibt es mehr zu sehen als Steine. Die Karpaten sind nah, und für frischen Wind in der Stadt sorgen Entrepreneurs wie Igor Sydor, den man - das ist kein Zufall - auf einen Espresso und ein Stück Apfelstrudel im Kaffeehaus trifft. "Als die Türken vor Wien standen, soll ein Händler aus der Gegend von Lemberg die Feinde ausspioniert haben. Die Belohnung für seine Dienste nach dem Sieg der Kaiserlichen waren die Säcke mit den Körnern, die im Türken-Depot lagerten", erzählt der 34-Jährige. So kam der Legende nach der erste Kaffee nach Wien - und wenig später auch nach Lemberg. Sydor hat deswegen ein Kaffee-Festival ins Leben gerufen. Weil das erfolgreich ist, gibt es inzwischen auch ein Schokoladen-Festival. Und eines, bei dem sich alles um Käse und Wein dreht.

Jenseits dieser Events sorgt ein anderer Tausendsassa dafür, dass Lemberg eine besondere Gastroszene hat. Yuri Nazaruks Restaurants sind verknüpft mit der Geschichte der Stadt. So kann man in der Loge der Freimaurer zu Abend essen und im Lokal "Zur goldenen Rose" jüdische Spezialitäten probieren. Man kann sich im "Haus der Legenden" verirren, in dem jeder Raum anders dekoriert ist, oder sich von strengen Bedienungen in einem Café einsperren lassen, das Leopold von Zaher-Masoch gewidmet ist. Das Gewölbe unter der Oper hat Nazaruk für Auftritte von Nachwuchs-Bands reserviert.

Nicht weit entfernt hat Bürgermeister Andriy Sadovyj sein Büro. Drei Vorrundenspiele der Fußball-EM werden in Lemberg ausgetragen, Deutschland trifft hier auf Dänemark und Portugal. Das Stadion ist fertig, der neue Flughafen eröffnet. Nun soll ein Fußball-Fest steigen und die Stadt bekannt machen in Europa. Sadovyj kennt sogar das passende deutsche Wort: "Wir hoffen auf ein Sommermärchen."

Helge Bendl

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