Italien

Mit Giulietta ins Dolce Vita

Blick vom Grand Hotel Villa Tuscolana.

Frascati: Der Landstrich im Süden von Rom ist eine gnadenlose Verführung zum Schwelgen. Nostalgiker können sich für die Schlemmertour einen Oldtimer leihen

Die antikweiße Giulietta TI von außen …

… und von innen.

Spezialität aus Nemi: Walderdbeeren.

Außen knusprig, innen soft: Bort aus Genzano.

Spezialität aus Frascati: die dreibrüstige Pupazza Frascatana, auch als „Miss Frascati“ bekannt. Fotos: pa

An einem steilen Buckel zwischen Grottaferrata und Genzano machen die Knutschkugeln schlapp. Erst der dottergelbe Fiat Cinquecento, dahinter der weiße Autobianchi mit den kirschroten Sitzen. Unsere Alfa Romeo Giulietta TI hat zwar kein PS-Problem, aber ganz klar ein anderes. Trotz durchgedrückter Fuß- und angezogener Handbremse rollen wir rückwärts, im Rückspiegel wird der beigefarbene Cinquecento hinter uns immer größer. Nicht mehr lange, und wir werden dieses niedliche Kindchenschema-Blechgesicht zerknautschen. Also hilft nur die Flucht nach vorn - volle Lotte aufs Gaspedal und an den Knutschkugeln vorbei, auch wenn die Gegenfahrbahn nicht zu überblicken ist und Giulietta empört aufheult.

So kann es kommen, wenn man sich aus Neugier und Neigung zur Nostalgie mit der Reisegruppe für eine Oldtimertour durch die Albaner Berge entscheidet, anstatt in den Bus zu steigen. In der Fantasie hatte es sehr stilvoll ausgesehen, dieses kulturelle und kulinarische Schlaraffenland im Süden von Rom mit formschönen Fahrzeugen der 60er und 70er Jahre zu entdecken - knuffigen Knutschkugeln, lässigen Giulietta-Kutschen und chromblitzenden Cabrios. Was man dabei ausgeblendet hatte: wie flippig der italienische Verkehr ist und dass Oldtimer wie alte Menschen sind - sensibel, nicht frei von Verschleißerscheinungen und manchmal auch sehr schrullig.

Wir haben unsere Exkursion der Gaumenfreuden in Frascati begonnen und dort schon die erste Spezialität der 25.000-Einwohner-Kleinstadt in Augenschein genommen: "Miss Frascati", eine Teigpuppe mit kurvigen Playmate-Proportionen. Durch ihre spärliche Bekleidung - kurzer Faltenrock, Schleifchen im Haar und eine silberne Liebesperle in der Bauchnabelregion - fällt der Blick unweigerlich auf Miss Frascatis anatomisch absonderliche Oberweite: Statt zwei Brüsten hat sie drei. Die weibliche Fülle symbolisiert die Fruchtbarkeit des Landstrichs, den einst ein Vulkan formte. Es heißt, aus der dritten Brust der "Pupazza Frascatana" fließt Wein - jenes Erzeugnis also, für das Frascati über Italien hinaus bekannt ist. Fans des strohgelben Weißweins schwärmen vom blumigen Bouquet und goldenen Reflexen.

Dank der Experten des Oldtimer-Verleihers, die uns auf Vespas eskortieren, hat unsere Kolonne den Berg geschafft und zuckelt nun weiter Richtung Genzano - durch grüne Platanenalleentunnel, vorbei an Weinbergen und silbrig-grünen Olivenhainen. Die Straße ist jetzt breiter und nicht mehr so hügelig, was die Lage deutlich entspannt. Unsere Giulietta schaukelt gemütlich durch die Kurven und schnurrt zufrieden. Wie herzig ihre schlichten Armaturen aussehen, wie entzückend ihr filigranes Lenkrad ist, überhaupt ihre Zerbrechlichkeit. Dabei gehört die gepflegte, antikweiße Dame noch zu den Rüstigeren in unserem Seniorenfuhrpark.

Viele der Gemeinden, die wie Frascati zu den burghaften Castelli Romani zählen, betrachten sich als Spezialist für eine der lokalen Spezialitäten. Genzano sieht sich in der Kunst des Brotbackens führend. Wer bei Forno a legna do Sergio, Via Italo Belardi 13, in die Backstube linst, kann das Geheimnis für die knusprige Kruste und das fluffige Innere der Brotlaibe erfahren. Das Frühstück liegt zwar noch nicht lange im Magen, aber wer würde schon einem holzofenfrischen Scheibchen, beträufelt mit goldgelbem Olivenöl, entsagen?

Und was wäre eine Ausfahrt in die Albaner Berge ohne einen Abstecher zu den Walderdbeer- und Salamidelikatessen von Nemi. Wie ein Postkartenidyll im Panoramaformat pappt die Ortschaft über dem Lago di Nemi, golden glasiert von den Strahlen der Herbstsonne. Am besten wählt man für den Walderdbeerschlagsahnebecher ein Café mit Blick auf den See. Weit hinten am Horizont leuchtet ein schmaler Streifen Tyrrhenisches Meer. Die zweite Spezialität von Nemi duftet deftig aus den Läden: meterlange Ketten aus Trüffelsalami.

Bereits die alten Römer wussten die Vorzüge der Region zu schätzen - das gute Essen, die frische Luft und die liebliche Landschaft. Cäsar, Cicero, Cato und Lukull besaßen in der Gegend des heutigen Frascati elegante Sommervillen, um der staubigen, stickigen Großstadthitze zu entfliehen. In den folgenden Jahrhunderten taten es ihnen viele andere Lebemänner, Hedonisten und Schöngeister gleich - Adelsfamilien, Kardinäle, Philosophen und Poeten. Auch Goethe verweilte auf seiner Italien-Reise 1787 für einige Tage in Frascati und notierte: "Es ist ein Paradies."

"Heute kommen die Besucher meist nur kurz hierher, um ein Glas Wein zu trinken", sagt Kunsthistorikerin und Touristenführerin Susanne Hohwieler. Ihrer Ansicht nach entgeht ihnen auf diese Weise jedoch das Beste: die monumentalen Patriziervillen mit ihren kostbaren Fresken, kunstvollen Wassertheatern und weitläufigen Gartenanlagen voller dunkelgrüner Zypressen und uralter Steineichen. "Für die römischen Adelsfamilien waren die suburbanen Villen ein Mittel der Selbstdarstellung und Symbol der Macht", erläutert Hohwieler die ausladende Pracht. Mit ihren schwarzen Haaren und dem signalroten Mantel sieht die Doktorin der Kunstgeschichte sehr italienisch aus, ursprünglich stammt sie aber aus Freiburg.

Unsere Oldtimerschlange schleicht nach Castel Gandolfo hinauf. Oben versteht man, warum die Päpste diesen Ort für ihre Sommerfrische auserkoren haben: Die Aussicht auf den Lago di Albano ist göttlich und die Luft himmlisch. Glatt und mattsilbern schimmernd wie Aluminiumfolie liegt der Kratersee da. Uns erwartet in Castel Gandolfo die nächste Schlemmerstation, das Ristorante Pagnanelli. Bevor wir zum Völlereivollzug schreiten, werfen wir an der Piazza della Liberta noch einen Blick auf die Papstresidenz mit der Vatikanischen Sternwarte.

Im Ristorante Pagnanelli scheint man der Auffassung zu sein, dass wir von der langen Fahrt ausgezehrt sein müssen und tischt uns pompöse Pasta-Porchetta-Pecorino-Panna-Cotta-Portionen begleitet von Rot- und Weißweinen auf. Die hausgemachten Tagliatelle mit Steinpilzen sehen so aus, als würden sie sich genauso schnell um die Hüften wickeln wie um die Gabel. Und weil jetzt sowieso alles egal ist, kann man auch noch ein paar Ciambelline al vino (Weinkringel) in Dessertwein stippen und einen Grappa hinterher kippen. Die Schlüssel für die Oldtimer müssen wir an dieser Stelle freilich abgeben.

Zurück in Frascati sind wir willens, alle Aufmerksamkeit auf die kulturellen Highlights zu richten: auf das Wassertheater der Villa Torlonia mit seinen Bögen und Becken im Barockschwung, die Villa Tuscolana, von der an klaren Tagen der Blick bis zum Petersdom reicht, und auf das auffälligste Juwel im Diadem der tuscolanischen Villen, die Villa Aldobrandini mit ihrer wuchtigen Fassade und einem "Teatro delle acque" im Barockgarten.

Doch stattdessen dräut in den kopfsteingepflasterten Gassen die nächste Dolce-Vita-Verschwörung - Eiscafés, Weinhandlungen, Espresso-Bars, Läden mit Oliven-, Käse- und Wurstspezialitäten. In den Schaufenstern der Pasticcerias posiert die dreibrüstige Miss Frascati in Serienanfertigung. Auf Italo-Deutsch wird die Stadt daher auch "Fresscati" genannt. Warum gehen die Italiener bei diesen Genüssen eigentlich nicht wie Hefeteig auf? "Ganz einfach", meint Reiseführerin Hohwieler. "Wir verwenden nur Olivenöl und Schmalz, keine Butter." Okay, das ist es also!

Nicht alles, was in Frascati vom Prunk vergangener Jahrhunderte kündet, ist wirklich original. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt bei einem Luftangriff von US-Langstreckenbombern zu großen Teilen zerstört. Von der Kathedrale an der Piazza San Pietro blieb nur die Fassade aus Vulkangestein stehen, und auch die Villa Torlonia ist das Ergebnis sorgfältiger Aufbauarbeiten. Eines der echt alten Stücke ist der Glockenturm von 1305.

Unser letzter Punkt auf dem Tagesmenü heißt Casal Pilozzo, eines der ältesten Weingüter der Castelli Romani, 13 Hektar mit Weinbergen, Olivenhainen und Weitblick in die Ebene. Das Anwesen hatte schon viele Besitzer, darunter auch Berühmtheiten wie Orson Welles und Tyrone Power. Inzwischen sitzt Antonio Pulcini am Ruder, ein kleiner Mann mit grauen Haaren und Schalk in den Augen. Sein ganzer Stolz ist der labyrinthische Weinkeller, der durch eine Tuffsteinhöhle unter dem Weingut führt und Tausende verstaubter Flaschen birgt. Zu den Kostbarkeiten zählen 20 Jahre alter Weißwein und ein aus Malvasia-Rebsorten kredenzter Tropfen namens "Passione", Leidenschaft. Pulcini sagt, dass er sich für die Qualität des Weins verbürge. "Aber der Genuss", ergänzt er und zwinkert, "erfolgt auf eigene Verantwortung."

Pilar Aschenbach

Mit dem Oldtimer durch die Albaner Berge

Oldtimertouren sind auf Anfrage im Rom-Büro des Reiseveranstalters Dertour unter agenzia(at)derrom.it buchbar. Die Preise liegen bei 400 Euro für einen halben Tag. Aus Sicherheitsgründen werden die alten Karossen von Vespa-Fahrern eskortiert. Günstiger und bequemer ist der vierstündige Busausflug "Albaner Berge" aus dem Italien-Katalog von Dertour (ab 45 Euro pro Person mit Spezialitätenverkostung auf einem Weingut).
Übernachtungstipp: das Grand Hotel Villa Tuscolana in einer herrschaftlichen Villa aus dem 16. Jahrhundert. Von dem Vier-Sterne-Haus reicht der Blick über Frascati bis Rom (www.villatuscolana.eu).

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