Tschechien

Goldige Zeiten am Fluss

Im Prachenske Muzeum in Pisek erfährt man mehr über den kostbaren Rohstoff.

In Pisek wird in der Otava bis heute Gold gewaschen

Goldstück und Goldschürferpfanne. Fotos: jm

„Schau mal her!“, ruft Jaromir, „was ist das denn?“ Sein Kollege Karel zuckt mit den Achseln, kickt gegen den Klotz und antwortet: „Weiß nicht. Komm, mach weiter!“. So oder so ähnlich hatte es sich der Überlieferung nach zugetragen. Jaromir und Karel, zwei Straßenbauarbeiter, stießen bei Pisek, eine Autostunde südlich von Prag, auf einen zwei Kilogramm schweren Klumpen Gold, den sie aber nicht als solchen erkannten. Der Fund ereignete sich kurz vor dem Schwarzen Freitag des 13. Mai 1927, als der Kurssturz an der Berliner Börse schlechte Zeiten einläutete.

Dieser Tage zocken Banker wieder wie Banditen und Millionen spielen bei diesem realen Monopoly keine Rolle mehr. Wie menschlich wirkt dagegen eine Geschichte, wie die von Jaromir und Karel: Einfache Leute finden Gold, viel Gold – erkennen es aber nicht.

Der Fluss Otava führt immer noch goldhaltigen Sand mit sich – Pisek heißt auf Tschechisch Sand. Schon im 8. Jahrhundert wuschen die Kelten dort Gold. Im Laufe der Jahrhunderte machte das Gold die Gegend reich. Jiri Fröhlich bremst aber die Hoffnung. Er ist Archäologe und sagt: „Seit dem Mittelalter sind die Goldadern ausgebeutet und die Schächte geschlossen.“ Die Otava führt nur noch Goldpartikel mit sich. Für ein einziges Gramm Gold werden 17.000 der winzigen Goldkörnchen benötigt, die man im Fluss waschen kann.

Fröhlich spricht aus Erfahrung. Der 65-Jährige ist in dem 30.000-Einwohner-Städtchen Pisek geboren und versuchte das Goldwaschen seit seiner Kindheit immer wieder, kam aber nie über eine Gesamtmenge von einem halben Gramm pro Tag hinaus. „Ein schlechter Schnitt“, sagt er, „aber wer Spaß haben möchte, sollte am ersten August-Samstag zum Goldwaschen kommen.“ Dann stellt man sich mit hochgekrempelten Hosen und Dutzenden anderen Goldsuchern bei Kestrany, zwölf Kilometer von Pisek entfernt, in die Otava, um am Goldwäschewettbewerb teilzunehmen.

Hinter der schweren Holztür des Prachenske Muzeum von Pisek, das sich seiner Goldausstellung rühmt, erfährt man mehr über Gold sowie Jaromir und Karels Fund. Museumsdirektor Jiri Prasek erklärt, dass „Mitte der 1960er Jahre Reste der einst für den Wohlstand so wichtigen Goldmühlen gefunden wurden, die an die 700 Jahre alt sein müssen“. Das sei einzigartig in Europa. Das Gold war die Ursache für die Stadtgründung 1245.

Der Zwei-Kilo-Brocken von Jaromir und Karel, den ihr Vorarbeiter schließlich erkannte und pflichtbewusst meldete, wurde im Lauf der Zeit, besonders im Lauf des Zweiten Weltkriegs, immer kleiner. Viele wollten etwas davon, Teile wurden abgebrochen, verschwanden.

Drei größere Stücke sind heute im Prager Nationalmuseum zu bestaunen – und ein Stückchen auch in Pisek. Museumsdirektor Prasek kennt exakt die Daten: 46 mal 31 Millimeter groß, 17,2 Gramm schwer. Der Wert heute: gerade mal 20 Euro. Jaromir und Karel hätten immerhin jeweils zehn Pilsener dafür bekommen.
Jochen Müssig
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