Rumänien

Karpaten: Schokolade als Appetithappen

Mehrere Tausend Braunbären fühlen sich in den Karpaten wohl

Durch die Region streifen viele Braunbären

Eines der letzten Wildnisgebiete Europas: die rumänischen Karpaten. Fotos hb

Still jetzt! Der Förster legt den Finger auf die Lippen. Kein Laut mehr! Der Wald hält den Atem an. Und mit ihm alle, die schon eine geschlagene Stunde lang auf dem verglasten Hochsitz warten. Denn in den rumänischen Karpaten geschehen im Forst mitunter besondere Dinge. Da gehen Luchse im Dämmerlicht auf die Jagd. Da ist das Heulen der Wölfe zu hören. Und manchmal erhascht man sogar einen Blick auf das größte Raubtier des Kontinents.

Im Halbdunkel am Rande der Lichtung zeichnet sich ein schwarzes Etwas ab. Dann tritt eine Bärendame aus dem Schatten, 200 Kilogramm schwer. Sie schnüffelt, wittert, pfeift den Nachwuchs herbei. Ein Jungtier tollt heran, balgt sich mit dem kleinen Bruder. Alle drei machen sie sich über die Bruchschokolade im Trog her. „Das ist für die Tiere nur ein Appetithappen“, erklärt Förster Cosmin Dida, „Doch bis vor Kurzem sind sie bis in die Vororte der Stadt Brasov gekommen.“ Mit den Leckereien will der Förster die 43 Braunbären seines Reviers im Wald halten. „Wenn sie sich an Menschen gewöhnen, bekommen wir Probleme.“ 

In den rumänischen Karpaten, einem der letzten Wildnisgebiete des Kontinents, fühlen sich noch mehrere Tausend Braunbären wohl. Ökotouristen finden über Anbieter wie Carpathian Nature Tours zu den Tieren: Die von der Association of Ecotourism in Romania zertifizierte Reiseagentur kümmert sich zum Beispiel um Kunden der Alpinschule Innsbruck oder Colibri Travel. Die staunen dann nicht nur über Erlebnisse auf dem Hochsitz, sondern auch bei Wandertouren über die Landschaft: Der Nationalpark Königsstein gilt als „Schmuckkästchen der Karpaten“. In der Bergwelt des Schutzgebiets ragen Kalksteinfelsen auf bis zu 2.238 Meter auf, zwischendrin sorgen Buchenwäldchen und das Sattgrün der Wiesen für Abwechslung. Bauern stehen mit der Sense an den steilen Hängen, Pferdefuhrwerke bringen das Heu ein, Hähne krähen um die Wette. Eingestreut in die Landschaft sind geweißelte Kirchen, mit Schindeln gedeckte Scheunen, Obstwiesen und um die Ecke das „Draculaschloss“ von Bran. 

Hier liegt auch „Libearty“, ein Bärenasyl. Etwa 75 Tiere leben hier in einem 70 Hektar großen Wald. Manche mussten früher als Tanzbären auftreten, andere fristeten ihr Dasein angekettet in Restaurants und Kneipen, weitere wurden von Privatleuten konfisziert oder von Zoos, deren Käfige viel zu klein waren für die unsteten Tiere. „In die Natur können wir unsere Bären leider nicht entlassen. Sie haben keine Scheu mehr vor uns Menschen und würden ständig in den Dörfern nach Nahrung suchen sowie Schafe reißen“, sagt Gründerin Cristina Lapis. Doch man wolle ihnen immerhin einen Lebensabend in einer möglichst naturnahen Umgebung ermöglichen, so Lapis weiter. 

Spenden und das Eintrittsgeld der Besucher sorgen für den Unterhalt der tierischen Pensionäre, die ihre Instinkte wiederentdecken: Man sieht, wie sie auf Bäume klettern, sich balgen und im Wasser herumtollen. Weitere Infos gibt es unter www.ampbears.ro sowie zu Carpathian Nature Tours unter www.cntours.eu.

Helge Bendl

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