Portugal

Centro: Verschlafene Dörfer

Die Burg von Sortelha ist mehr als 800 Jahre alt. Foto: ld

Die unentdeckten Kulturschätze von Portugals Mitte

Der Kunsthändler Francisco Afonso lebt im ältesten Teil des Dorfes Castelo Novo, das vor ewigen Zeiten 700 Meter hoch in die Flanken des Gardunha-Gebirges gebaut wurde. Casa da Lagarica – Haus der Weinpresse – heißt sein wunderschöner Laden, eine Anspielung auf die steinerne Weinpresse aus dem 7. Jahrhundert vor seiner Haustür. Castelo Novo gehört zu den „Aldeias Historicas“, einer Vereinigung von zwölf mittelalterlichen Dörfern im Centro de Portugal, die besonders geschützt und gefördert werden, um das kulturelle Erbe zu bewahren. 

Von Touristenschwemmen verschont

Bisher verirren sich nur sehr wenige Touristen in diese Dörfer aus Naturstein im Inneren des Landes, die versteckt zwischen Bergen und Tälern liegen. Dabei sind hier viele wundervolle Entdeckungen zu machen. So stößt man in der Festungsstadt Belmonte auf eine romanisch-gotische Kirche aus dem 14. Jahrhundert – ein Bauwerk mit Säulen und Bögen aus nacktem Stein, freigelegten Fresken und einer Granitskulptur der Pieta, die für den portugiesischen Dichter Jose Saramago „die absolute Schönheit“ verkörperte.

Von Belmonte im Nachmittagslicht auf stillen Straßen durch eine wilde Berglandschaft nach Sortelha zu fahren, ist ein Genuss. Nach einer Kurve erblickt man oben auf einer Felswand auf das Urbild einer Zitadelle. Von massiven Stadtmauern umrundet, liegt Sortelha wie in einem zeitlosen Raum. Es ist, als hätte sich seit 1181, als König Sancho I. die Burg errichten ließ, nichts geändert. Durch ein Tor geht es in das Dorf hinein. In den steilen Straßen, gesäumt von unverputzten Steinhäusern, begegnet dem Be‧sucher keine Menschenseele. Auf altertümlichen Treppenstufen steigt man zum Mauerwerk der Zitadelle hinauf, begleitet nur von Wind und Zikaden.

Viele Häuser in Sortelha gehören auswärtigen Gästen, und so ist die Einwohnerzahl wieder auf knapp 500 gestiegen. An den Wochenenden und in den Ferien sind die Gassen des Dorfes oft so belebt wie in einem Touristenort am Meer. 

Wie schwer hat es dagegen das arme Cidadelhe, das jenseits des Estrela-Gebirges liegt, als wäre es von der Welt vergessen worden. Dutzende der alten Steinhäuser sind unbewohnt, manche zusammengebrochen und von Unkraut überwuchert, selbst ansehnliche Herrenhäuser stehen leer. Totenstill ist es in dem Ort, auch die Felder liegen brach, nur noch 30 Menschen leben hier. 

Die Schätze von Cidadelhe

Dabei birgt auch Cidadelhe Schätze, die wie Keime der Hoffnung auf einen ländlichen Tourismus sind. Die ersten Häuser werden restauriert. Uralte Reliefs aus einer früheren Siedlung sind zu entdecken. Oben im Dorf steht die Pfarrkirche mit ihrem goldverzierten Barockaltar aus dem 16. Jahrhundert. Der größte Schatz ist das Pallium, das sich an einem geheimen Ort in der Obhut von Frauen befindet. Eigens für den Besucher ist es in die ehemalige Grundschule gebracht worden: ein Baldachin von 1707, eine kunstvolle Handarbeit, mit Goldfäden durchwirkt. Nur bei der Prozession zu Ostern wird er von acht Männern durch das Dorf getragen.

Eines der schönsten Dörfer der Beira Interior ist Castelo Rodrigo in 820 Metern Höhe mit seiner imposanten Burgruine. In der Klosterkirche sind zum ersten Mal auf dieser Reise Touristen zu sehen. Später sitzt der Besucher auf der Terrasse eines kleinen Restaurants und kann sich nicht sattsehen an dem Blick über die alten Häuser und die Landschaft, wie sie schon immer war.

Lottemi Doormann

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