Ägypten

Die Fata Morgana von Mahmoud

Was soll in dieser Einöde noch kommen?

Im Süden von Marsa Alam hat ein Architekt seinen Traum wahr gemacht: ein Beduinendorf als Treffpunkt für Touristen

Mahmoud Abd El Hady, stolzer Baumeister der Fata Morgana.

Blumiger Kontrast zur graubraunen Wüste: das Vier-Sterne-Hotel Lahami Bay Beach Resort.

Viehtransport auf ägyptische Art. Fotos: pa

Mahmoud Abd El Hady heizt durch die ägyptische Wüste, als gelte es eine hochdotierte Rallye zu gewinnen. Der Geländewagen hopst, Staub wirbelt, Steine spritzen. Mahmoud fährt ein Rennen gegen die Sonne. Noch bevor der Strahlenball hinter den Hügeln verschwindet, will er uns seinen wahr gewordenen Traum präsentieren.

Von der Küstenstraße zwischen Marsa Alam und Berenice am Roten Meer sind wir auf eine Schotterpiste ins menschenfeindliche Nirgendwo abgebogen: graubraune Ödnis bis zum Horizont, plattes, karges Land durchsetzt mit kantigen Gesteinsformationen. Was soll hier noch kommen, außer das Ende der Welt und vielleicht eine Abfahrt "Zum Mond"?

"Die Fata Morgana", sagt Mahmoud und weist mit einem breiten Siegerstrahlen auf das Rund, das wir soeben betreten haben. Ein Beduinendorf, das ganz plötzlich zwischen den Geröllbergen auftauchte, aber keine Luftspiegelung und kein Hirngespinst ist, sondern eine sehr solide Anlage aus Lehm, Holz und Stein, bewacht von einer zinnenbewehrten Burg am Hang.

Von dort oben hat man einen königlichen Blick auf das Ensemble: niedrige Hütten mit 13 Gästezimmern, die allesamt verschieden eingerichtet sind - schlicht, aber mit Rustikal-Chic. Kuschelkammern mit Teppichen und Kissen. Betten mit rohen, hübsch gemaserten Holzblenden. Zwischen den Unterkünften ragen wie Wahrzeichen zwei meterhohe Taubentürme auf. Für die Zusammenkunft der Dorfbewohner wurden zwei aus Hölzern geflochtene Halbkugeln errichtet. Und es gibt Buden, in denen später Kunsthandwerker einziehen sollen.

In sieben Monaten mit sechs Helfern hat Mahmoud, von Beruf Architekt, dieses kleine Wunderwerk vollbracht. Mit eigener Hände Kraft. Stein auf Stein. Lehm auf Lehm. "Anfangs hatten wir noch keine Genehmigung", berichtet der Lebenskünstler in Shorts und Sandalen. Mittlerweile sichert ein Pachtvertrag die Existenz des Beduinendorfes für die nächsten zehn Jahre.

Die Fata Morgana ist eine gar seltsame Kreation. Sie erscheint wie eine Kreuzung aus spiritueller Begegnungsstätte, Forschungs-Camp, Hippie-Kommune und Filmkulisse. Das obskurste Objekt befindet sich im Mittelpunkt des 6.000 Quadratmeter großen Zirkels: ein leeres Becken mit einer Holzbrücke drüber. Mahmoud will dort Fische züchten, die er leidenschaftlich gerne verzehrt: "Es gibt keine größere Köstlichkeit." Um an Wasser zu gelangen, wurde bereits ein 13 Meter tiefes Loch in den knochentrockenen Boden gegraben.

Geht der Traum mit Mann und Tauben und Fischen unter, hat der ägyptische Hansdampf noch ein anderes Standbein. Er betreibt das Unternehmen Barakuda Diving Team mit mehreren Tauchbasen am Roten Meer. Von dort, so hofft Mahmoud, werden die Besucher möglichst zahlreich kommen. Touristen, die nicht das Gewöhnliche suchen. Die nicht mit Folklore-Zauber abgefrühstückt werden wollen, sondern an Abenteuer und Austausch interessiert sind.

Solche Leute, wie sie sich an diesem Abend zur Einweihung des Dorfes versammelt haben - kontaktfreudig, weltoffen, polyglott. Zur Feier des Tages werden zwei Ziegen in einem Erdbodengrill versenkt und bei einem Bankett à la unbeugsames Gallierdorf barbarisch zerpflückt. Dazu fließt Bier und Hochprozentiges. Mahmoud wird stündlich euphorischer und beweist nun auch seine Qualitäten als Komiker.

Zumindest vom nahegelegenen Lahami Bay Beach Resort ist dem Tausendsassa Schützenhilfe gewiss. Hotel-Managerin Ursula Wolf, eine forsche Mainzerin mit kräftigem Dialekt, glaubt voll und ganz an das Projekt. "Die Fata Morgana ist eine echte Bereicherung und absolut einmalig." Seit zehn Jahren leitet die Deutsche das Vier-Sterne-Resort am Roten Meer, die Kunden stammen überwiegend aus Italien und Deutschland.

Ihre Karriere im Ägypten-Tourismus begann Wolf vor 18 Jahren als Gästebetreuerin in Safaga weiter im Norden. "Ich bin überzeugt, dass die Leute sogar von dort und von Hurghada hierher kommen." Es sei alles nur eine Frage des richtigen Marketings. Bis Hurghada sind es allerdings satte sechs Stunden. Für Wolf keine Distanz: Ihr Mann, Rechtsanwalt und Grund für ihre Auswanderung nach Ägypten, lebt im 1.000 Kilometer entfernten Kairo.

Für ihre Gäste hofft sie jedoch, dass möglichst bald der Militärflughafen von Berenice für den internationalen Flugverkehr freigegeben wird. Dadurch würde sich der Hoteltransfer auf eine halbe Stunde verkürzen. Auch Nil-Kreuzfahrer aus Assuan könnten an dem Airport zusteigen. Die Überlegungen für den Ausbau währen schon lange - nichts Ungewöhnliches für Ägypten, wie Wolf berichtet. "Um hier Veränderungen zu erwirken, braucht es einen langen Atem." Ägypter seien Gewohnheitstiere und antworteten auf die Frage, warum etwas ist, wie es ist, typischerweise: "Weil es so ist." Eine Logik, die für die zielstrebige Managerin immer wieder eine Geduldsprobe bedeutet.

Anfangs wollte sie in dem Land alles auf den Kopf stellen, "denn viele Hotels hatten kein Konzept". Ihren Schritt in die Fremde hat sie aber nie bereut: "Die Zusammenarbeit mit den Ägyptern ist alles in allem einfach toll: sehr frei und vertrauensvoll." Die Sehnsucht nach Mainz packt Wolf nur einmal im Jahr - am Rosenmontag. "Das ist mein persönlicher Trauertag, den ich mit Taschentüchern vor dem Fernseher verbringe." In Mahmoud scheint sie eine Art Seelenverwandten gefunden zu haben - einen Menschen voller Tatendrang und mit karnevalistischer Ader.

Dass die Fata Morgana ein Unikum ist, wie Wolf schwärmt, steht außer Frage. Und obendrein bildet sie einen wohltuenden Kontrast zu den Ferienanlagen am Meer, die zugunsten internationaler Standards und Geschmäcker bisweilen kompromisslos charakterlos gestaltet sind. Deren Gäste suchen allerdings in erster Linie türkisblaue Badefreuden, schillernde Taucherlebnisse und All-inclusive-Verpflegung statt eine Holperfahrt in die Wüstendürre.

Doch der größere Schwachpunkt: Die Hotels sind an diesem Ort nicht zahlreich. Hinter dem Lahami Bay Beach Resort kommt Richtung Berenice nicht mehr viel, und bis Marsa Alam im Norden sind es zwei Stunden. Ob die Touristen tatsächlich solche Strecken durch die monotone Landschaft tingeln werden, in der Militärposten, Plastikmüll, Baustellen und mit Kamelen oder Teppichen waghalsig bepackte Fahrzeuge die einzige Abwechslung sind, um das Beduinendorf zu besichtigen?

Die Bauruinen versprechen zwar Gästenachschub, bloß wann? Entlang der Küstenstraße reihen sie sich massenhaft und in jedem erdenklichen Zustand wie eine Armee aus Betonskeletten und riesengroßen Borstentieren - leider kein Trugbild, sondern hässliche Wirklichkeit. Warum die Bautätigkeit zum Erliegen gekommen ist? Wegen der politischen Umwälzungen im Land, meinen die einen. Weil das Geld ausgegangen ist, sagen andere. Und wieder andere führen den Stillstand auf ein Investitionsprogramm der Regierung zurück, das nur im Ansatz zündete. Wann und wie es weitergeht - keiner scheint das so recht zu wissen, ausgenommen vielleicht der Himmel.

Auf diesen ist ein schwarzes Ungetüm gerichtet, das oben auf der Burg im Beduinendorf thront. Es ist ein Fernrohr zum Sternegucken, denn Astronomie ist eine weitere Leidenschaft von Mahmoud. In dieser Party-Nacht spannt sich das Firmament wie ein paillettenbesetzter Baldachin aus tiefblauer Seide über das Dorfrund. Und plötzlich versteht man, was Mahmoud an diesem Ort findet. Hoffentlich stehen die Sterne für die Fata Morgana günstig.
Pilar Aschenbach

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