Marokko

Sahara: Der Wassermann von Tinjedad

Dromedare im Camp vor dem Erg Chebbi

Im Süden Marokkos schicken Veranstalter auch Normaltouristen für eine Nacht in die Wüste

Tor zur Wüste: das Stadttor von Rissani

Künstler Zaid Abdou. Fotos: mw

Das prunkvolle Stadttor von Rissani weist den Weg hinaus in die Wüste. Wer hindurch nach Süden fährt, steht wenig später mitten drin im Meer ohne Wasser, wie die Araber die Sahara nennen. 
Hier im Erg Chebbi unweit der algerischen Grenze versteht man sofort, was die Einheimischen zu dieser Umschreibung animierte. Unablässig schiebt der Wind auf aschgrauem Felsgrund rotgoldene Dünen wie Wellen‧kämme bis zu 200 Meter hoch vor sich her und liefert damit die filmreife Kulisse für eine Zeltübernachtung unter dem funkelnden Sternenhimmel. 
Wüstenromantik und die Sehnsucht nach Stille lockt zwischen Oktober und Ende Mai Tausende Reisende in die Randgebiete der Sahara. Zahlreiche lokale Veranstalter haben den Trend erkannt und bieten auch Normaltouristen ein wohlorganisiertes Abenteuer. Dabei gibt es von luxuriös bis rustikal alle Varianten. 
Knotenpunkt für diese Touren ist das ehemalige Kameltreiberdorf Merzouga am Ende der Teerstraße. Kurz vor dem Ortseingang führt ein Weg zur Vier-Sterne-Herberge Kasbah Timbouctou. Zinnenbewehrt und unter braunem Lehmverputz verborgen passt sich das Haus wie viele andere Unterkünfte im Land lokalen Bautraditionen an. Die Dünen sind hier sogar vom Pool aus zu sehen.
Die meisten Gäste packen dort zunächst nur ihren Tagesrucksack. Denn nun geht es mit Dromedaren weiter – direkt hinein in die Wüste. Zwar gibt es im Gebiet inzwischen über zwei Dutzend Camps. Das Dünenmeer verschlingt die Karawanen aber schnell, so dass jeder seine ganz persönliche Expedition erleben kann. 
Zwei Stunden auf dem Dromedar reichen den meisten Touristen bereits, um sich mindestens wie Lawrence von Arabien zu fühlen. Als hinter unzähligen Dünen endlich das Oasis-Camp in Sicht kommt, hört man erleichtertes Aufstöhnen. Während Mimoun in der großen Silberkanne frischen Minztee aufsetzt, massieren die Gäste ihre Oberschenkel und inspizieren die Zelte. Ein köstliches Menü vom Camping-Kocher, eine Tanzeinlage und dicke Wolldecken vertreiben die Nachtkälte. 
Auf dem abendlichen Weg zum etwas abseits installierten Trocken-WC leuchtet die Milchstraße. Die Nacht ist mild und still, zum Frühstück ist man gegen neun Uhr pünktlich vor der Tageshitze wieder im Hotel. 
Wer Wert auf Luxus legt, kann sich mit dem Allradfahrzeug etwa ins Camp La Belle Etoile fahren lassen. Dort warten richtige Betten in Zwei-Personen-Zelten auf die Gäste. Das abendliche Tamtam der Trommler ist das gleiche wie in anderen Camps. Es gehört hier einfach dazu. 
Wer verstehen möchte, wie die Menschen im Süden mit der Wüste leben, der sollte auf dem Rückweg bei Zaid Abdou in der Oase Tinjedad vorbeischauen. Beim Studium in Heidelberg hat der Germanist sich für pfälzischen Wein begeistert. Doch Zaids ganze Liebe gilt heute einer artesischen Quelle im Niemandsland vor den Toren der Stadt. Eigentlich soll sie heilend wirken. Nach Jahren der Verwahrlosung war sie jedoch vollkommen verseucht. 
Abbou hat das Areal gesäubert, Pavillons gebaut, einen Garten gepflanzt und Kacheln mit Sätzen aus dem Kleinen Prinz bemalt. Als Kalligraf, Poet, Gartenkünstler und Geschäftsmann kämpft er mit seinem mustergültigen Museumsprojekt Lalla Mimouna nun seit fast 20 Jahren für ein sauberes Marokko. „Meine kleine Person kann nicht alles bewirken“, sagt der Wassermann in temperamentvollem Deutsch, „aber ein Anfang ist gemacht.“ 
Martin Wein

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