Vietnam

Kreaturen aus der Unterwelt

So klein ist der Mensch: Das Höhlensystem beeindruckt derzeit etwa 800 Besucher pro Jahr

Der Nationalpark Phong Nha-Ke Bang birgt die größte Höhle der Welt und noch heute zahlreiche unerforschte Arten

Mit kleinen Schiffen gelangen Touristen in den Nationalpark. Fotos: ws

Das Tor zur Unterwelt ist ein finsterer Schlund zwischen von Schlingpflanzen überwucherten Felsen. Tran Quangh Anh Vu lässt den Lichtkegel seines Helms in die Tiefe des Höhleneingangs von Hang Va wandern. Der 28-jährige Guide ist gemeinsam mit zwei Trägern und einer kleinen Gruppe Touristen unterwegs im Nationalpark Phong Nha-Ke Bang an der zentralvietnamesischen Grenze zu Laos.

„Ihr gehört wohl zu den ersten 1.500 Menschen, die die Höhle überhaupt betreten haben“, sagt Vu. Maximal zehn Besucher sind auf den Erkundungstouren des einzigen Spezialveranstalters Oxalis zugelassen. Hang Va wurde erst 2012 entdeckt und ist nur eine von Hunderten unterirdischen Schächten und Höhlen im Park.

Sie ist durch Wasserläufe mit der Son-Doong-Höhle verbunden, der größten bekannten Höhle der Welt. Vu erzählt von Stalagmiten so hoch wie Bürotürmen und Höhlengängen, in die man einen Wolkenkratzer stellen und einen Jumbojet parken könnte. In der Tat ist die größte unterirdische Kammer Son Doongs über 200 Meter hoch und mehr als 100 Meter breit. Mit einer Gesamtlänge von neun Kilometern hat die erst 2009 von britischen Forschern erkundete Höhle damit wohl tatsächlich das größte unterirdische Volumen der Welt.

Zoologische Sensation

„Noch immer werden hier neue Tierarten aufgespürt“, sagt Vu. 1992 sorgte die Entdeckung des Vietnamesischen Waldrinds oder Saola für eine zoologische Sensation. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass alle Landsäugetiere dieser Größenordnung bereits wissenschaftlich beschrieben wurden. Auch über andere hier heimische Tier‧arten wie den Riesenmuntjak und den Grauschenkligen Kleideraffen ist nur wenig bekannt.

An Seilen lassen sich Vu und seine Expeditionsgruppe ins Dunkel von Hang Va hinab. Unten stehen sie bis zur Hüfte in einem reißenden Höhlenstrom. Vorsichtig watet der Höhlenführer voran in die Dunkelheit. Im Licht seiner Stirnlampe entfaltet sich die fantastische Welt der Tropfsteine – triefende Bärte von längst im Kalkstein versunkenen Riesen, erstarrte Wasserfälle, Fabelwesen aus glänzendem Marmor.

Badezimmer für urzeitliche Kreaturen

An einem Felsabhang hangeln sich die Expeditionsteilnehmer hinauf zu einem See. Dahinter reihen sich in von Kalksteinrändern getrennten Terrassen Wasserbecken aneinander, wie vor Urzeiten als Badezimmer für die Kreaturen der Unterwelt angelegt. In den oberen Pools ragen in einer turnhallengroßen Kammer Hunderte gleichförmig gestreckte Tropfsteinkegel aus dem Wasser – eine Ansammlung längst erloschener Zwergenvulkane. Der Mensch hält ehrfürchtig den Atem an.

Dann befiehlt Vu der Gruppe, die Stirnlampen an ihren Plastikhelmen auszuschalten. Als der letzte Lichtkegel erlischt, breitet sich minutenlanges Schweigen in der Höhle aus. Vor die offenen Augen tritt eine nie gesehene Dunkelheit.

Gerade erst hat die Regierung beschlossen, eine Seilbahn hinauf bis fast nach Son Doong zu bauen. Das Vorhaben könnte dafür sorgen, dass statt der 800 Besucher, die die Höhle im Moment pro Jahr besuchen dürfen, die gleiche Anzahl an einem einzigen Tag Zugang erhält. Naturschützer warnen, dass das gigantische Bauprojekt und der Besucheransturm zur Gefahr für das sensible Ökosystem werden könnten.

„Vielleicht kommt ihr ja irgendwann mit euren Kindern zurück nach Hang Va“, sagt Vu seiner Gruppe zum Abschied. Hoffentlich gehören bis dahin die fantastischen Kreaturen der Unterwelt noch immer der absoluten Finsternis.

Win Schumacher
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