Abu Dhabi

Die Schildkröten von Saadiyat Island

Sieht gar nicht nach Schildkrötenparadies aus, ist aber eins: Strand in Abu Dhabi. Foto: Juergen Sack / istockphoto

Am schönsten Strand des Emirats zeigt sich Besuch aus der Urzeit

Die Meeresbiologin Arabella Willing ist Schildkröten-Schützerin auf Saadiyat Island. Foto: hs

Wenn nur noch die Sterne am Himmel leuchten, kommen sie an Land, schleppen sich nun schwerfällig im Schutz der Nacht über den Strand in Richtung Dünen. Es ist die Stätte ihrer eigenen Geburt. Von unsichtbaren Kräften gelenkt, kehren sie immer wieder hierher zurück. Ein Leben lang: an den schönsten Strand der Emirate. Seit Abermillionen Jahren.
In den Dünen der Insel Saadiyat vor Abu-Dhabi-Stadt graben die seltenen Karettschildkröten jedes Jahr im April, Mai und Juni ihre Nester, legen ihre Eier ab. Sie warten im Wasser in Küstennähe, bis es ‧möglichst finster ist – und still. Und eine passt auf: Arabella Willing aus Schottland.

Alles für die Sicherheit

Die Meeresbiologin ist so etwas wie die „Schildkrötenmutter von Saadiyat“. Sie steht auf der Gehaltsliste des Park Hyatt Abu Dhabi und ist auch für alle anderen Hotels entlang des neun Kilometer langen Bilderbuchstrandes weisungsbefugt. Sie kann dazu auffordern, die Außenbeleuchtung zu dimmen oder auszuschalten, Strandbars zeitweilig zu schließen, Musikboxen auszustöpseln – im eigenen Haus ebenso wie bei der Konkurrenz. Sogar Großbaustellen kann sie in Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizei über Nacht stilllegen lassen. Damit die Schildkröten in Sicherheit sind und sich an Land trauen.
Das Glück der Schildkrötenschützer aus der Emirates Natural History Group um Arabella ist, dass Scheich Nahyan bin Mubarak al-Nahyan so etwas wie der Ehrenvorsitzende der Naturschützer-Gruppe ist. Sein Name hat hier viel Gewicht. Und deswegen geschieht, was Arabella sagt.

Patrouille morgens um fünf

Zwar sind an der bis dato menschenleeren Küste von Saadiyat binnen der letzten zehn Jahre etliche Hotels und Villen entstanden. Trotzdem sind die Auflagen streng. Jet-Skis und Motorboote dürfen sich diesem Strand nur auf nicht mehr als zwei Kilometer nähern. Die Dünen dürfen nicht bebaut, abseits der Wege nicht betreten und nur auf wenigen angelegten Pfaden auf Holzplanken durchquert werden. Hotels und Wohnhäuser gibt es erst hinter dem Dünengürtel.
„In der Zeit der Eiablage laufe ich jeden Morgen um fünf Uhr acht Kilometer am Strand entlang“, erzählt Arabella, „um anhand der frischen Spuren im Sand etwaige Schildkrötennester sofort zu lokalisieren, zu markieren und noch am selben Vormittag mit dem Team einzuzäunen.“
Meistens findet Arabella auf diesen Touren mehr verlorene Sonnenbrillen als Nester. Sie lacht. Was man so früh morgens am Strand noch alles sieht? Gazellen zum Beispiel. Wo Wüste aufs Meer trifft, sind auch sie zu Hause. Und die Frühaufsteher unter den Ur‧laubern natürlich. Die ersten ‧Jogger, die der großen Hitze des Tages zuvorkommen wollen. Und manchmal springen draußen vor der Küste die Delfine.
Ob ihr das Leben für die Schildkröten in die Wiege gelegt wurde? Sie lacht wieder und streicht sich eine Strähne aus der Stirn: „Nicht unbedingt, als Kind zu Hause in Schottland hatte ich ein Chamäleon als Haustier. Und einen Papagei."

Helge Sobik
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