Malediven

Ein Land im Umbruch

Schon seit 13 Jahren arbeitet Ali ...

40 Jahre Tourismus haben den muslimischen Inselstaat verändert

... auf der Hotelinsel Kurumba. Fotos: af

Ali Farooq lässt sich den Wind ins Gesicht pusten. Ein paar Salzwassertropfen fliegen ihm um die Ohren, der Motor des Bootes dröhnt, während es über die Wellen des Indischen Ozeans hüpft. Der 32-jährige Malediver ist auf dem Weg von Zuhause – nach Hause. Vor ihm taucht die Silhouette der maledivischen Inselhauptstadt Male auf, wo seine Frau und sein fast vierjähriger Sohn leben. Hinter ihm leuchten die weißen Strände der Hotelinsel Kurumba in der Sonne, wo Ali seit 13 Jahren lebt und arbeitet.

Die palmengesäumte Insel, die rund fünf Kilometer nördlich von Male liegt, gilt als Wiege des maledivischen Tourismus. Kurumba war das erste private Resort des Inselstaates, eröffnet vor 42 Jahren. Während die ersten Besucher, eine Gruppe Taucher aus Italien, noch in einfachen Strohhütten nächtigten und mit Reis und Fisch zu jeder Tageszeit vorliebnahmen, schlafen heutige Gäste in luxuriösen Bungalows und haben die Auswahl zwischen acht Restaurants und drei Bars. Zwei davon betreut Ali als Restaurant-Manager. 2001 ist er auf die Insel gekommen, zunächst als Praktikant, dann hat er sich immer weiter hochgearbeitet.

Er ist nicht der einzige Mitarbeiter, der schon länger als zehn Jahre auf Kurumba arbeitet. Von den 480 Hotelangestellten stammt knapp die Hälfte aus dem eigenen Land. Mehr als 100 Kollegen, so schätzt Ali, arbeiten mindestens so lange wie er in der Anlage. Das ist nicht selbstverständlich auf den Malediven. Auf vielen anderen Inseln wechselt das Personal häufig, oft auch deshalb, weil es vielfach nicht möglich ist, Familie und Arbeit zu vereinbaren.

„Lange Zeit waren Tourismus- und Einheimischeninseln streng getrennt“, erzählt Ali. Erst seit einigen Jahren gibt es auf den größeren bewohnten Inseln kleine Gästehäuser, in denen Urlauber absteigen können. Touristen können Ausflüge in die Hauptstadt und zu anderen Einheimischeninseln unternehmen. Und andererseits halten die Hotelinseln Shuttle-Boote für die Mitarbeiter bereit, damit diejenigen, die in der Nähe wohnen, ihre freien Tage oder den Feierabend zu Hause verbringen können. Auch Ali steigt regelmäßig ins Boot, um seine Familie zu sehen. Zehn Minuten dauert die Überfahrt.

„Die Malediven sind nicht mehr der Staat, der er einmal war“, sagt Ali und schaut zu, wie das Boot den Hafen von Male ansteuert. Seit vor gut 40 Jahren der Tourismus in das streng muslimische Land einzog, hat sich die Bevölkerung stark gewandelt. Zehntausende Menschen aus Bangladesch, Sri Lanka und anderen Teilen der Welt sind ins Land gekommen, um auf den boomenden Resort-Inseln zu arbeiten, aber auch in Male, dem Umschlagplatz aller importierten Waren. Parallel zog es immer mehr Einheimische von den entfernten Atollen in die Hauptstadt, wo ihre Kinder die weiterführenden Schulen besuchen können.

Durch den wachsenden Tourismus hat sich nicht nur das Lohnniveau geändert, sondern auch die Rollenbilder haben sich verschoben. Weil auch in entlegene Atolle Hotels vorgedrungen sind, die Arbeit für Frauen bieten. Und weil immer mehr Bootsverbindungen es ihnen ermöglichen, zu Hause zu leben und zur Arbeit zu pendeln.

Ali ist in Male angekommen. Mit einem Satz springt er vom Boot, um zu seiner Familie zu eilen. Einen Tag hat er frei, dann fährt er wieder zurück nach Kurumba.
Alexandra Frank

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