La Reunion

Ein Stück Frankreich im Indischen Ozean

Die wilde Natur Reunions: Flechten wie Bärte, Äste wie Skelette

La Reunion erkundet man am besten beim Wandern

Nachtlager: La Nouvelle ist eine Hüttensiedlung am Grund der Steilhänge. Fotos: bel

Der Pfad windet sich steil nach unten durch den Nebelwald. Durch Baumfarnhaine, knorrige ‧Tamarindenwälder und gelbes Johanniskrautgebüsch. Feuchte Nebelschwaden wälzen sich über die Felsgrate, der Inselvogel Tec-tec turnt wie ein Kobold durch die Äste, von den Zweigen baumeln Flechten wie Altmännerbärte. 
Kaum einer würde sich wundern, wenn Elfen mit ‧spitzen Ohren vorbeihuschten oder ein Zwerg im Flüsterton den Weg zum Mittelpunkt der Erde wiese. Doch was sich da an einer Biegung aus den Wolken schält, ist Wanderführerin Nadine Wiss. „Macht kleine Schritte“, rät sie den Nachzüglern, „große sind viel anstrengender!“ So schaffen selbst weniger Geübte die rund 1.400 Höhenmeter der Mafate-Tour.
Mondlandschaft und Blütenexplosion
Im Indischen Ozean, 9.000 Kilometer entfernt vom Mutterland, markiert La Reunion als französisches Übersee-Departement den südlichsten Punkt der Europäischen Union. Vulkane, Regenwälder und Palmenstrände kennzeichnen die Insel, afrikanische Gelassenheit und französische Lebensart. Menschen aller Hautfarben sprechen Französisch, essen Baguette zu kreolischen Gerichten und zahlen mit dem Euro. 
Zwei Vulkane haben das Eiland erschaffen. Dadurch weist es viele Extreme auf. Gipfel bis 3.069 Meter Höhe, Lavaströme und die Krater des Piton de la Fournaise, eines der aktivsten Vulkane der Welt, einerseits – leblos wie eine Mondlandschaft. Messerscharfe Grate und 1.000 Meter senkrechte Felswände mit Hunderten Wasserfällen, andererseits – überwuchert von einer Flora, die im warm-feuchten Klima förmlich explodiert. 850 einheimische Pflanzenarten zählt die Insel. Sie wachsen sogar aufeinander. Farne wie Hirschgeweihe, Bromelien und Orchideen mit aberwitzigen Blüten bevölkern die Bäume wie eine Schar stummer Vögel. Diese atemberaubende Vielfalt ist seit 2010 Weltnaturerbe. 
Gegen zehn Uhr verziehen sich die Wolken und geben das Panorama eines Felsenkessels von gigantischen 70 Quadratkilometern frei. Die Sonne steigt in den Himmel und die Temperatur auf 27 Grad. Doch das Ziel ist in Sicht: Das 40-Seelen-Dorf Marla thront auf einem Vorsprung in halber Höhe. Bis dahin sind noch manche Schluchten zu durchqueren und etliche Bäche zu überspringen. 
Es geht auch ohne Straßen
Dann tischt Sylvio Begue vom Gite des Trois Roches endlich sein Cari auf, ein würziges Currygericht. Dazu serviert er ein paar Geschichten. „Rund 700 Menschen wohnen hier im Talkessel, ganz ohne Straßen“, erklärt der Mittvierziger mit den Rastalocken. „Die Krankenschwester und der Pfarrer kommen mit dem Hubschrauber. Ansonsten geht alles zu Fuß.“ 
Da fallen die Stunden Aufs und Abs bis zum Nachtlager in La Nouvelle am Grund der Steilhänge kaum ins Gewicht. Nach einer Dusche entspannen sich die Muskeln. Der Schlaf macht – hoffentlich – fit für den Aufstieg am nächsten Tag. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, spätestens nach Sylvios Erzählungen ist das jedem klar.
Helgard Below

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