Sri Lanka

Sri Lanka: Der Zahn des Erleuchteten

Liegender, stehender und sitzender Buddha: In Sri Lanka ist der Erleuchtete allgegenwärtig

Um die hart umkämpfte, kostbarste Reliquie des südasiatischen Landes ranken sich zahlreiche Legenden

Ein Mädchen verteilt Lotusblüten als Opfergaben. Fotos ws

Der Weg zum Allerheiligsten führt durch üppig grüne Reisfelder und Teeplantagen. Heilige Kühe und bunte Tempel säumen die Straße ins Herz der Tropeninsel. Sri Lanka birgt etliche Unesco-Welterbestätten und zahllose Reichtümer, doch die Stadt Kandy verwahrt einen Schatz, dem kein anderer ebenbürtig ist. Dabei ist das Heiligtum ein winziges Ding. Es findet gar auf einer Fingerkuppe Platz.

Um den linken Eckzahn Siddharta Gautamas zankten sich einst illustre Herrscher und ganze Königreiche. Er ist die wichtigste Reliquie des Landes. Über dem See von Kandy wacht ein selig lächelnder Buddha auf einem bewaldeten Hügel. Unter seinem Antlitz liegt Sri Dalada Maligawa, der Zahntempel. Vor dem von außen nicht ganz so schmuckvollen Gebäude drängen sich die Gläubigen. Mönche in orangefarbenen Gewändern eilen über den Tempelvorplatz. Ein Mädchen im weißen Kleidchen verteilt zartviolette Lotusblüten als Opfergabe. Vor dem von gewaltigen Elefantenstoßzähnen gerahmten Schrein des Zahnes finden sie sich wieder in bunten Blütenteppichen.

Jedes Jahr im Juli feiert Sri Lanka das größte buddhistische Fest der Welt. Bei der Esala-Perahera trägt nun ein mit unzähligen Lichtern und überbordendem Zierrat geschmückter Elefantenbulle ein goldenes Kästchen mit dem Zahn des Erleuchteten durch die Straßen. Der Parade in einer Vollmondnacht schließen sich Dutzende weitere Elefanten und Hunderte Tänzer an.

Doch lange vor der ersten Esala-Perahera feierte man anderswo den Zahn mit rauschenden Festen. Die Stadt Anuradhapura im Norden der Insel war einst eine der größten Metropolen ihrer Zeit. Ihre Bedeutung als Pilgerziel verdankt die Stadt vor allem einer Pappelfeige, die als direkter Setzling des Baums verehrt wird, unter dem Siddharta Gautama seine Erleuchtung erlebt haben soll.

In Anuradhapura kann man von einer Stupa zur nächsten spazieren, bis man die kleinen und großen Buddha-Statuen gar nicht mehr zählen kann. Die Suche nach dem einstigen Zuhause des Zahns aber führt zum Abhayagiri-Kloster. Hier fand die Zahnreliquie für Jahrhunderte ihre erste Ruhestätte in Sri Lanka. Im vierten Jahrhundert soll sie eine als Pilgerin getarnte Prinzessin in ihrem Haar versteckt und aus Indien übers Meer geschmuggelt haben.                 

Die Geschichte vor ihrer Ankunft in Sri Lanka verliert sich in einem Wust an Legenden. Indische Herrscher zankten sich um sie und selbst die Chinesen sollen ein Auge auf den Zahn geworfen haben. Später wollten portugiesische Kolonisatoren sie zermalmen und die Briten die Esala-Perahera für immer verbieten. Zuletzt versuchte eine Gruppe der Tamil Tigers am 25. Januar 1998, durch einen Anschlag den Zahn zu zerstören. Sie alle konnten dem Heiligtum aber nichts anhaben. Es hat die Jahrhunderte überdauert und scheint in Kandy nun erst einmal seine Ruhe gefunden zu haben.

Von Win Schumacher
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