USA

Portland: Nackt durch die City

„Keep Portland weird!“ – Die Großstadt an der liberalen Westküste ist schräg und will es auch bleiben

USA: Die Stadt in Oregon ist die schrägste Metropole des Landes

Dragqueen-Veteran: Der 87-jährige Walter Cole steht noch immer auf der Bühne. Fotos: Ram Malis, ws

Als Walter Cole sich zum ersten Mal falsche Wimpern auf die Lider klebt, mohnroten Lippenstift aufträgt und sich in ein schwarzes Kleid zwängt, ist Lyndon B. Johnson noch Präsident der USA. In Kalifornien folgt auf den Summer of Love ein kühler Herbst. An der Ostküste predigt Martin Luther King gegen den Vietnamkrieg. Und in Portland in Oregon steigt eine Dragqueen auf einen Tisch in einer dunklen Taverne und singt vor einer Gruppe betrunkener Lesben.

Mekka der Alternativen

„Damals habe ich mich natürlich so noch nicht vor die Tür getraut“, erzählt Cole und zupft an seiner blonden Perücke. „Dabei war Portland schon ‧immer liberal und für Leute wie mich eigentlich nie gefährlich.“ Unter einer dicken Schicht Schminke lächelt der Kabarettist. Dass er seinen 87. Geburtstag hinter sich hat, lässt sich kaum erahnen.
Nur wer genau hinsieht, mag erraten, dass die in die Jahre gekommene Königin der Nacht im weinroten Glitterfummel ihre Auftritte auf künst‧lichen Kniegelenken durchsteht, fast ununterbrochen seit 1967. Das Darcelle XV, so auch Coles Künstlername, ist damit wohl das älteste Drag-Kabarett der USA. „Ich bin das beste Beispiel. Diese Stadt ist einfach schräg!“, sagt Cole. „Weird ist fun! Wir Portlander nehmen uns einfach selbst nicht allzu ernst.“
Spätestens seit dem Zuzug von Hippies in den 60ern und 70ern gilt Portland als Mekka der Alternativen. In den letzten Jahren zieht Portland vor allem Zuwanderer an, für die New York und San Francisco zu groß und zu teuer und der Rest der USA zu bieder ist: Musiker, Künstler, Aussteiger, linke Studenten, junge Start-up-Unternehmer, Hightech- und Computer-Freaks. Portlands inoffizieller Slogan „Keep Portland weird!“ steht in riesigen Lettern an einer Wand im Zentrum.
Höhepunkt des Jahres ist der „World Naked Bike Ride“. Portland beansprucht für sich, jährlich das weltgrößte Nacktradler-Treffen ins Rollen zu brin‧gen. Bis zu 10.000 sollen es zuletzt gewesen sein. Im schrillen Kostüm oder einfach splitterfasernackt demonstrieren sie für Verkehrssicherheit und ganz nebenbei auch gegen Donald Trump.

Kommt irgendwann die Gentrifizierung?

„Schon George Bush Senior nannte uns Little Beirut wegen der scharfen Proteste während seines Besuchs hier“, erzählt Tres Shannon. Kein Wunder, dass in Portland die heftigsten Demonstrationen stattfanden, als Trump Präsident wurde. Shannon betreibt den Donut-Laden Voodoo Doughnut im Stadtzentrum, im rosa Hemd, mit orangefarbener Nasa-Schildkappe und Nerd-Sonnenbrille.
Von hier sind es nur ein paar Gehminuten zum Pearl District mit hippen Gourmet-Eateries, Kunstgalerien und Boutique-Hotels und zum bunten Samstagsmarkt am Ufer des Willamette Rivers.
„Vielleicht wird es uns in zehn Jahren so gehen wie jetzt schon Seattle und San Francisco“, sagt Shannon. „Den Künstlern und all den Leuten, die die Stadt so besonders machen, wird es dann möglicherweise einfach zu teuer. Aber ich will hier nicht wie ein mies gelaunter Jammerlappen rüberkommen und glaube einfach, dass Portland sich seinen verschrobenen Geist bewahrt.“

Win Schumacher

Reiseinfos

Anreise: Mit Condor nonstop, mit KLM über Amsterdam und Icelandair über Reykjavik nach Portland

Veranstalter: Portland ist bei allen großen Ver‧anstaltern im Angebot, etwa FTI, Dertour und TUI

Weitere Infos: www.travelportland.com und www.traveloregon.com

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