Tunesien

Kerkennah: Die Tintenfischer-Inseln

Pool des Grand Hotels Kerkennah

Der Kerkennah-Archipel wirkt karibisch und unterscheidet sich auch kulinarisch vom Festland – im Oktober beginnt dort die Tintenfischsaison

Nicht jedermanns Sache: Tintenfisch-Couscous. Foto: cb

Frischer Tintenfisch? Aber klar doch! In den Restaurants von Alataya auf Chergui gehören frische Meeresfrüchte zum täglichen Angebot. Die Insel ist der angesagte Treffpunkt im Kerkennah-Archipel. Er liegt etwa 20 Kilometer vor Tunesiens zweitgrößter Stadt, Sfax, die Überfahrt mit der Fähre dauert etwa eine Stunde.

Kerkennah besteht aus fünf Inseln, von denen nur Chergui und Gharbi bewohnt und mit einem Damm verbunden sind. Mit ihren 15.000 Einwohnern sind sie der Hotspot des Tourismus auf Kerkennah: Im Hochsommer fluten mitunter 100.000 Menschen die palmenbestandenen, flachen Inseln. Die Strände bieten Platz genug, in den Restaurants wird es dann aber oft eng.

Tintenfische lieben dunkle Höhlen

Neben dem Tourismus ist die Fischerei die einzige Einnahmequelle. „Andere Jobs gibt es nicht“, berichtet Nejah, während er sein Boot aus dem Hafen von Alataya steuert.

Die mit Pfählen markierte Fahrrinne ist zwei Meter tief. Ebenfalls an Bord ist Nehjahs Vater Mohammed. Mit 89 Jahren ist der Mann zwar schon höchst betagt, zeigt sich aber topfit.

Erst gestern habe ein anderer Fischer einen 16 Kilo schweren Tintenfisch aus dem Mittelmeer gezogen, berichten die beiden. Kraken, die sich vorwiegend von Krebsen, Muscheln und Schnecken ernähren und nur etwas mehr als ein Jahr alt werden, sind auf Kerkennah Grundnahrungsmittel.

Um sie zu fangen, bestücken Nejah und seine Kollegen lange Leinen mit bis zu 500 Amphoren. Die Tonkrüge werden ohne Köder im Meer versenkt. „Die Tintenfische lieben dunkle Höhlen, kriechen nachts hinein und wir müssen sie am nächsten Morgen nur noch hochziehen“, grinst Nejah.

Will ein Krake sein Gefäß nicht verlassen, hat er einen Trick: „Dann bestreuen wir ihn mit etwas Salz.“ Mit dem Fischen hat Nejah als 15-Jähriger nach kurzem Schulbesuch ohne Abschluss begonnen. Zeitweise arbeitete er in der Textilbranche auf dem Festland.

Die Sommermonate, wenn das Mittelmeer zum Fischen zu warm wird, überbrückt Nejah mit Touristenfahrten. Sonst sind die von Entvölkerung bedrohten „Inseln der Stille“ ideal zum Faulenzen und Erholen am Strand.

Nejahs Mutter Fatima und seine Frau Dahlia klopfen den Tintenfisch 20 Minuten lang mit einem Holz zart. Es wirkt wie ein Mittelding aus Frühstücksbrett und Baseballschläger.
Der Oktopus wird mehrfach gefaltet, gewaschen und über ein Netz gerieben, „damit er sich aufplustert“, verrät Dahlia. Vor dem Kochen salzt sie den Tintenfisch, indem sie das mineralische Gewürz mit Wasser regelrecht einmassiert.

Tentakel mit Couscous

Die langen Tentakel werden abgeschnitten und im heißen Olivenöl eines Topfes angebraten – gemeinsam mit Zwiebeln, Tomaten, grünen Pfefferschoten, Kartoffeln, Kürbis, Knoblauch, Möhren und zudem einer Gurke. Anschließend gibt Dahlia noch Chilipfeffer, Currypulver, Kümmel, Tomatenmark und heißes Wasser hinzu.

Das Resultat richtet sie nach einer gefühlten Ewigkeit dekorativ auf Couscous an. Die Familie und ihre Gäste langen herzhaft zu und stellen fest, wie sehr sich das Klopfen und Falten des nun würzig-zarten Kraken lohnt. Wer kosten möchte: In der Hochsaison sollte man über eine örtliche Agentur vorbuchen.

Christian Boergen
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