Kambodscha

Kambodscha: Land aus Wasser

Im Sommer wächst der Tonle-Sap-See auf ein Vielfaches.

Im Sommer wächst der Tonle-Sap-See auf ein Vielfaches. Foto: mam

Regenzeit am Mekong und Tonle-Sap-See  

Nur zwölf Kilometer südlich der Boomtown Siem Reap bei den Khmer-Tempeln von Angkor glitzert es während der Regenzeit nass bis zum Horizont: der gigantische Tonle-Sap-See. Kambodscha ist der Legende nach aus Wasser geboren, als der neunköpfige Naga-König die Fluten trank und nur den Mekong übrig ließ.

Jedes Jahr im Juni, wenn der Flussriese die Monsunmassen und das Schmelzwasser des Himalaya nicht mehr halten kann, wechselt sein Nebenfluss Tonle Sap, mit dem er in Phnom Penh zusammenfließt, die Richtung – er fließt rückwärts in den Tonle-Sap-See. Der See wächst so um ein Fünf- bis Zehnfaches und überschwemmt ein Gebiet so groß wie Schleswig-Holstein.

„Wo Wasser ist, sind Fische“
 Das Naturwunder macht das Biosphärenreservat angeblich zum fischreichsten Binnensee der Welt, zum größten in Südostasien allemal. Mit Wurfnetzen, Bambusreusen und Fangkammern fischen die Kambodschaner hier die zehnfache Fangmenge der Nordsee.

Früher gab der gottgleich verehrte Khmer-König dem Tonle-Sap-Fluss per Hand den „Befehl“, seine Richtung zu ändern. Nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs steht nun der junge König Sihamoni auf der Ehrentribüne am Zusammenfluss von Mekong und Tonle Sap. Eines seiner königlichen Boote durchschneidet beim dreitägigen Vollmondfest „Bon Om Touk“ zum Ende der Regenzeit im Oktober oder November das über den Fluss gespannte Seil, und der Tonle Sap darf wieder gen Meer fließen.

Zieht sich das Wasser in der folgenden Trockenzeit wieder zurück, folgen die Kambodschaner auf dem Tonle-Sap-See mit ihren Hausbooten in schwimmenden Dörfern. „Wo Wasser ist, sind Fische“, besagt ein Khmer-Sprichwort. Andere wohnen in Siedlungen mit bis zu zehn Meter hohen Stelzenhäusern, die sich nach Jahrtausende alter Methode wie mit einem Fahrstuhl dem Wasserstand anpassen – der Bambus-Fußboden wird einfach mit Seilen höher verankert.

Zurück am Mekong wartet in der Regenzeit eine Welt voller märchenhafter Eindrücke: versunkene Wälder in einem Labyrinth aus Flussarmen und -inseln, wo die Fische um Baumkronen schwimmen. Die Mekong-Städtchen Kratie und Stung Treng bezaubern durch ihr französisch angehauchtes Provinzflair. Nahe Kratie tummeln sich die letzten 80 Irrawaddy-Süßwasserdelfine Kambodschas: Sie versammeln sich in der Trockenzeit in den verbleibenden tiefen Becken im Mekong. Wenn überhaupt, ist jedoch nur kurz ein Kopf zu sehen, am besten zwischen Dezember und Mai frühmorgens oder am späten Nachmittag.

Radtouren am Mekong
Als ein abgelegenes kleines Juwel am Zusammenfluss von Mekong und Sekong entpuppt sich die Provinzhauptstadt Stung Treng nahe der laotischen Grenze: Die meisten eilig Reisenden lassen sie auf ihrer Fahrt ins Nachbarland links liegen. Dabei könnten sie in dem charmanten Ort die idyllischsten Seiten Kambodschas erleben – bei Radtouren entlang der Uferstraße mit alten Holzhäusern unter Palmen, in Homestays bei Bauern, bei Bootsfahrten zu Fischerdörfern und durch verwunschene Flutwälder.

Wer weiß, wie lange die Idylle noch anhält. Denn die Brücke über den Sekong ist seit 2008 eröffnet, und das beschauliche Stung Treng soll zum Drehkreuz werden zwischen China, Laos, Vietnam und Thailand. Auf jeden Fall lohnend ist ein Ausflug an die laotische Grenze zum Khone Phapheng: Hier stürzen die mit 14 Kilometer breitesten Wasserfälle Asiens von Laos nach Kambodscha – hinunter ins „Land aus Wasser“.
Martina Miethig