Kambodscha

Zuwachs für Angkor

Die verwunschenen Ruinen von Angkor dienten auch als Drehort für ...

Kambodschas größte Attraktion könnte bald noch bedeutender werden

... den Film „Tomb Raider“. Fotos fh

Kann man eine ganze Stadt verlieren und vergessen? Als der französische Forschungsreisende Henry Mahout 1860 durch den Dschungel nahe dem kambodschanischen Siem Reap streifte, stieß er auf gigantische Ruinen, auf Tempel und weitläufige Anlagen, von deren Existenz man zwar in Kambodscha noch wusste, wohl aber nicht mehr von ihrer historischen Bedeutung: Die Ruinen von Angkor. Welcher Anblick sich Mahout damals bot, lässt sich heute noch am Tempel von Ta Prohm nachvollziehen.

Während viele der Gebäude Angkors mittlerweile blitzeblank restauriert sind, wurden in Ta Prohm nur die notwendigsten Ausbesserungen vorgenommen – fast so, als habe man sie erst vor wenigen Tagen dem Dschungel entrissen. Riesige Bäume krallen sich hier an die Reliefwände, überwuchern durcheinandergekegelte Trümmerhaufen, während die Wurzeln der Feigenbäume an den zahlreichen Statuen würgen. Kein Wunder, dass Touristen in Ta Prohm besonders ehrfürchtig durch die Gänge und Höfe wandeln. Vielleicht liegt es aber auch schlicht daran, dass hier der Film „Tomb Raider“ gedreht wurde und die Anlage in weniger bildungsbeflissenen Kreisen daher nur noch als Angelina-Jolie-Tempel bekannt ist.

Allerdings muss man dazu sagen: Ta Prohm ist gerade wegen seiner verwunschenen Atmosphäre nicht wirklich typisch für das Leben im alten Angkor. Die rund 400 Quadratkilometer große Anlage von Angkor, heute oft irrtümlich nach dem dazugehö‧rigen Tempel Angkor Wat genannt, ist der größte sakrale Komplex der Welt: Nirgendwo auf der Welt haben Menschen ihren Göttern je so viele aufwendige Monumente auf so engem Raum geschaffen.

Zwischen dem neunten und 15. Jahrhundert wurden hier nacheinander mehrere Hauptstädte des Khmer-Reiches errichtet, die in Spitzenzeiten rund eine Million Menschen beherbergten. Mehr als tausend Tempel zählt Angkor, ausgedehnte Bewässerungsanlagen, dazu Gebäude, deren Nutzung bis heute nicht geklärt ist. Genauso wenig wie die Frage, warum das prächtige Angkor, seinerzeit eine der größten Städte der Welt, im 15. Jahrhundert aufgegeben und die Hauptstadt nach Phnom Penh wurde.

War es die Invasion der Thai 1431, die sich allerdings nach kurzer Zeit wieder zurückzogen? Oder war Angkor in all seiner Pracht einfach zu groß ‧geworden, so dass Verwaltung und ‧Bewässerung versagten? Immerhin soll sich Angkor samt Wohngebiete weit über das heutige Gebiet über rund 1.000 Quadratkilometer erstreckt und damit sogar das heutige Berlin in den Schatten gestellt haben!

Immer wieder wartet Angkor zudem mit überraschenden Funden auf. Zuletzt im Sommer 2013, als ein australisch-britisches Forscherteam eine weitere vergessene Stadt am Rande Angkors entdeckte. Wahrscheinlich handelt es sich um Mahendraparvata, die verschollene Stadt des ersten Königs der Khmer, Jayavarman II, der rund 300 Jahre vor dem Bau Angkors regierte.

Schon in den 1880ern begaben sich französische Forscher auf die Suche nach Mahendraparvata, dass man erst jetzt fündig wurde, hat rein praktische Gründe: Erst mit der politischen Stabilisierung der 1990er kamen moderne archäologische Methoden zum Zug. In diesem Fall brachte der Einsatz von „Lidar“ (light detection and ranging data) den Erfolg. Vereinfacht gesagt wird das Areal aus einem Helikopter per Laser vermessen und als 3D-Relief kartiert. Unter dem Dschungel verborgene Erhebungen werden so erst sichtbar.

Bis Tempel und Gebäude von Mahendraparvata ausgegraben und touristisch relevant sind, dürfte es noch einige Jahre dauern. Zumindest aber ist damit der Beweis erbracht: Eine Stadt zu verlieren ist weniger abwegig, als es auf den ersten Blick scheint.
Françoise Hauser