Indien

Der Glanz der alten Zeiten

Früher Residenz, heute Museum: der Palast in Udaipur

Zu Besuch bei Maharadschas in Rajasthan

Nirgends leuchten die Turbane so schön wie in Rajasthan. Fotos: mw

Der Maharadscha von Kanota und seine Frau bitten uns zum Nachmittagstee. Mehrere Gäste, die meisten Verwandte, sind da. Gebäck und Obst wird gereicht. Der Gast fühlt sich aufgenommen in dieser einem großen Landgut ähnlichen Anlage mit ihren Rundbögen und Türmchen inmitten eines von einer Mauer umgebenen Parks, in dem Pferde weiden und Pfauen stolz ihre Federpracht zeigen. 
Ein sehenswertes Museum erzählt die Familiengeschichte. Schwarz-Weiß-Fotos dokumentieren nicht nur die Jagd auf Tiger, sondern auch die politische Macht, welche die Fürsten einst hatten. „Macht besitzen wir heute nicht mehr“, sagt der Maharadscha und ergänzt: „Wir verfügen aber als Geschäftsleute über gute Kontakte und unterstützen soziale Projekte.“
Rajasthan ist gemessen an seiner Fläche der größte indische Bundesstaat, gemessen an der Bevölkerung von fast 70 Millionen Menschen nur der siebtgrößte. Nirgendwo auf dem Subkontinent leuchten die Farben der Saris und der aus mehreren Metern Stoff gewundenen Turbane so intensiv wie hier. 
Im Nordwesten kontrastiert der Farbenrausch mit der blassgelben Sand- und Geröllwüste Thar, die sich bis auf das Territorium des Erzfeindes Pakistan erstreckt, und im Südosten mit einer grau-weißen, steinigen Hügellandschaft. Prächtige Maharadscha-Paläste und die Städte teils überragende Forts erinnern an die Krieger-Clans der Rajputen, die sie erbaut haben und Rajasthan über Jahrhunderte beherrschten.
In Udaipur erhebt sich am Ostufer des Pichola-Sees der strahlend weiße City Palace. Er ist der größte Palast Rajasthans mit einer fast 250 Meter langen Fassade und einer Höhe von mehr als 30 Metern. Maharadscha Udai Singh II., Gründer der Stadt, hat mit dem Bau des Herrschaftssitzes um 1600 begonnen. Sieben Bögen erinnern daran, dass hier siebenmal Maharadschas in Gold und Silber aufgewogen wurden. 
In Dungarpur liegt der Udai Bilas Palace ebenfalls an einem schönen See. Das verwitterte Mauerwerk und erstklassig erhaltene Fresken verströmen eine geheimnisvolle Atmosphäre. 
Umso überraschender ist der Effekt, als ein Hotelmitarbeiter ein großes, schweres Holztor eines Nebengebäudes öffnet. Eine Oldtimer-Sammlung aus zehn Autos und zwei Flugzeugen ist in gleißendes Licht getaucht. Am Ende der Halle die Bar, eingerichtet mit Tischen aus Lenkrädern, Autositzen mit rotem Lederbezug und Scheinwerfern als Deckenleuchten. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt die frühere Hausherrin als Braut in einem Oldtimer der Marke Cobra.
Ihr Sohn, der Maharawal von Dungarpur, begrüßt seine Gäste und bestellt Gin Tonic. Stolz zeigt er seine Auto-Kollektion und gerät angesichts der „alten Zeiten“ einen Moment lang fast ins Schwärmen, um dann schnell auf die Gegenwart zu sprechen zu kommen. 1971 habe die damalige Premierministerin Indira Gandhi die Privilegien der Maharadschas komplett gestrichen. Darunter sei ein stattliches Jahressalär gewesen. Nun verdiene er sein Geld als Hotelier und Landwirt, fügt der Fürst hinzu und zuckt mit den Schultern. 
In Maharadscha-Palästen als Hotelgast zu wohnen, eröffnet zumindest einen kleinen, faszinierenden Einblick in die einst mächtigen indischen Herrschaftshäuser. Noch heute ist eine Art mystische Aura zu spüren, in der die Vergangenheit mitschwingt. 
Von Michael Winckler

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