Indien

Konarak: Erotik in Stein

Der Tempel aus dem 13. Jahrhundert gehört zum Weltkulturerbe

Der Sonnentempel in Konarak feiert die Sinnlichkeit

Zahlreiche explizite Darstellungen zieren den Bau. Fotos: smk, draco-zlat/istockphoto

„Das obszönste Bauwerk der Welt“, meinte ein Besucher einst. Und ein britischer Kolonialbeamter des 19. Jahrhunderts war so empört, dass er sich zu der Aussage hinreißen ließ: „Der Tempel sollte dem Erdboden gleichgemacht werden.“ 
Glücklicherweise steht er noch. Der Sonnentempel im indischen Konarak, der mit seinen erotischen Darstellungen einst so viel Anstoß erregte, gehört heute sogar zum Weltkulturerbe. Er ist samt Vorbau von oben bis unten mit Dekor, Skulpturen und Reliefs überzogen. Frauen in sinnlichen Posen, Paare beim Akt, beim Oralsex und in großer Stellungsvielfalt sind aber nur ein Teil des Bildprogramms. 
Auf Sockeln und in Nischen präsentieren sich Götter und Fabelwesen neben Liebespaaren, Musikanten und Tänzerinnen wie auf einer Bühne: mit Musik und Tanz, Liebe und Sinnlichkeit, sogar mit Elefantenparaden wie im Dschungelbuch – großes Theater! Ein Fest für die Augen, eine Poesie in Stein, wuchtig und filigran. Hier bauten die Künstler wie Titanen und vollendeten ihr Werk wie Juweliere. 
Der Bau aus dem 13. Jahrhundert steht in einem hübschen Park am Golf von Bengalen, 65 Kilometer vom Airport Bhubaneswar entfernt. Der Tempel zu Ehren des Sonnengottes Surya spiegelt den Lauf der Sonne am Firmament wider, den von sieben Pferden gezogenen Sonnenwagen, kunstvoll in Stein verewigt, samt Rädern: je zwölf an den Längsseiten, wie die Monate eines Jahres, insgesamt 24, wie die Stunden eines Tages. 
Konarak ist architektonisch und künstlerisch herausragend, trotz der Verwitterungen am Skulpturen- und Reliefschmuck. Die Konservatoren reagierten bisweilen mit fragwürdigen Maßnahmen und ersetzten einfach kunstvoll bearbeitete herabgefallene Steine durch glatte, schmucklose Quader. In indischen Zeitungen wurde bereits gewarnt, der Tempel drohe seine Einzigartigkeit zu verlieren, wenn diese Praxis fortgeführt würde. Und auf der Baustelle vor Ort geht es seit Längerem nicht mehr voran, klagt ein Guide. 
Dem Andrang indischer Besucher tut dies keinen Abbruch. In Scharen strömen sie herbei, bewundern, was ihre Vorfahren schufen, staunen über die drei Meter hohen Räder der Südseite, die auch als Sonnenuhr dienen, und bitten gelegentlich um ein Foto mit westlichen Touristen. Denn die kommen bislang selten und sind für die Einheimischen mindestens so interessant wie die erotischen Darstellungen.  

Sascha M. Kleis

Info zu Konorak

Konarak ist Station bei Erlebnisreisen von Lernidee und Ikarus Tours, bei einer Individualreise von Comtour sowie beim Baustein „Golf von Bengalen“ von Lotus Travel. Infos zum Tempel unter www.konark.nic.in. 

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