Indien

Fatehpur Sikri: Die verlassene Hauptstadt

Die Audienzhalle gehört zu den herausragenden Gebäuden im Palastbezirk der alten Hauptstadt. Foto: mw

Die Stadt ist unbewohnt und doch bestens erhalten

Ganz aus rotem Sandstein erbaut ist diese Stadt. Wohnhäuser und Paläste mit Kuppeldächern, kunstvoll behauene, teils zerbröselnde Mauern und Freitreppen, Säulengänge, Empfangshallen und Versammlungsplätze leuchten in der morgendlichen Wintersonne. 
Aber nirgends geschäftiges Treiben, wie sonst in Indien zu dieser frühen Stunde. Keine „Fahnen, perlenbestickten Spruchbänder, Gobelins“ und andere „wehende Pracht“, wie es der Schriftsteller Christoph Ransmayr formulierte. Nur Raubvögel, die am hellblauen Himmel kreisen, und erste Besucher. Sie sind die einzigen Menschen an diesem Ort.
Fatehpur Sikri, die „Siegesstadt“, gleicht keiner anderen Stadt in Indien und vermutlich der ganzen Welt. Schon seit Jahrhunderten lebt hier niemand mehr, und doch sind die Gebäude so gut erhalten, dass die Unesco sie zum Weltkulturerbe erklärt hat. 
Nur für kurze Zeit war Fatehpur Sikri Hauptstadt des mächtigen Mogulreiches, das von 1526 bis 1858 bestand. Seine größte Ausdehnung im 17. Jahrhundert umfasste fast den gesamten indischen Subkontinent und Teile Afghanistans. 
Erbauen ließ Fatehpur Sikri der Großmogul Jalal ad-Din Muhammad, genannt Akbar, zwischen 1571 und 1585. Die Stadt war so groß wie das damalige London, gelegen nahe der Grenze zwischen Rajasthan und Uttar Pradesh. Nur rund eine Autostunde entfernt liegt Agra, wo der Taj Mahal jährlich Millionen von Besuchern anzieht. 
Akbar ließ die Stadt der Legende nach aus Dankbarkeit gegenüber Scheich Salem Chisti erbauen. Der Mystiker prophezeite dem bis dahin kinderlosen Herrscher die Geburt dreier Söhne, und ein Jahr später wurde der Thronfolger Jehangir geboren.
Zunächst hieß die Stadt Sikri, wie der Hügel, auf dem der Mystiker in einer Klause lebte. Nach der Eroberung des heutigen Bundesstaates Gujarat wurde sie in Fatehpur Sikri, Stadt des Sieges, umbenannt. 
Nur 14 Jahre nach der Fertigstellung, wenige Jahre vor seinem Tod 1605, gab der Mogulkaiser die Stadt wieder auf. Die Bevölkerung folgte ihrem Herrscher, und die Geisterstadt wurde nie wiederbelebt. 
Das hatte auch praktische Gründe: Der nächste Fluss war zu weit entfernt, um Wasser über Kanäle herzuleiten. Auch ein künstlich angelegter See, den Akbar mit von Karawanen transportiertem Schnee aus Kaschmir speiste, konnte den Wasserbedarf nicht decken. 
Akbar ging als ein Machthaber religiöser Toleranz in die Geschichte ein – auch wenn er nicht weniger grausam war als seine Vor- und Nachfahren. Er, der selbst kaum lesen und schreiben konnte, versammelte in seinem „Palast der Gespräche“ Gelehrte, Theologen, Künstler und Philosophen aus allen Sphären seiner Herrschaft, und zwar nicht nur Sunniten und Schiiten, sondern auch Hindus, Sufis, Parsis und jesuitische Missionare aus der portugiesischen Kolonie Goa. Und auch unter seinen Frauen – die Chronik bezeugt an einer Stelle 300, an einer anderen 5.000 – waren Christinnen und Hindus. 
Eines der schönsten Gebäude ist die Moschee Jama Masjid, die Elemente persischer und hinduistischer Architektur enthält. Der Haupteingang ist das 54 Meter hohe Siegestor Buland Darwaza, das Akbars Sieg über Gujarat symbolisiert. Das größte Gebäude ist der Palast von Jodh Bai mit hinduistischen Säulen, muslimischen Kuppeln und persischen Dachziegeln.
Michael Winkler
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