Niederlande

Vom Krach unter den Grachten

Amsterdams Grachten gehören seit 2010 zum Weltkulturerbe. Fotos: stock.xchng

Amsterdam macht aus dem U-Bahn-Bau eine Touristenattraktion

Was die Berge den Schweizern, ist den Holländern der Schlamm: Sie buddeln Löcher und legen Tunnel rein. Kein Wunder also, dass die holländische Vorzeigemetropole Amsterdam ihre Besucher derzeit als gigantische Baustelle empfängt. Überall in den ohnehin engen Straßen der Stadt der Grachten und Koffie-Shops klaffen riesige Löcher im Asphalt und geben den Blick frei in die Eingeweide der Stadt.

Der Grund für die Grabungen: Amsterdams neue U-Bahn-Strecke, die so genannte Noord Zuidlijn, deren knapp zehn Kilometer lange Trasse mitten unter der Stadt hindurchläuft. Ursprünglich sollte die neue Verbindung in diesem Sommer fertiggestellt werden. Aber wie das bei öffentlichen Bauvorhaben gerne passiert, verzögert sich die Angelegenheit erheblich und wird zudem deutlich teurer. Inzwischen, so rechnen Experten, wird die 2003 begonnene U-Bahn-Linie wohl frühestens im Herbst 2017 eröffnet werden. Und statt der ursprünglich veranschlagten 1,3 Milliarden Euro kostet der unterirdische Metro-Spaß den Steuerzahlern vermutlich 3,2 Milliarden Euro.

Also machen die Amsterdamer aus der Not eine Tugend: Seit Kurzem können vom Baukrach genervte Bürger ebenso wie des Rembrandt-Merchandisings überdrüssige Touristen einen Blick in die riesige U-Bahn-Kaverne werfen. Unweit der Centraal Station sehen sie von einer unterirdischen Aussichtsplattform aus, 25 Meter unter dem Straßenniveau, die Arbeiter ameisengroß zwischen gigantischen Stahlstreben herumwuseln. Dass sich das Bauprojekt zumindest als Touristenmagnet eignet, belegen die Besucherzahlen der Plattform am Rokin-Platz: Innerhalb eines knappen halben Jahres hat es mehr als 100.000 Menschen in die Tiefe gezogen.

Aber Amsterdam setzt nicht nur auf die Attraktivität des Orkus. Seitdem im August des vergangenen Jahres die Unesco den Grachtengürtel der Stadt zum Weltkulturerbe erklärte, erlebt das Wasserstraßen und -kanalsystem der Amstel-Metropole eine Renaissance. Jüngstes Beispiel: das neu eröffnete Het Grachtenhuis in der Herengracht 386. Dort hat sich der millionenschwere ehemalige Shell-Manager Gerard Krans in einem Kaufmannspalast aus dem 17. Jahrhundert einen Traum verwirklicht: Het Grachtenhuis ist das erste Museum Amsterdams, das sich in barocker Opulenz ganz der Geschichte der Grachten widmet.

100.000 Euro hat Krans in die Sanierung des Hauses und seines Gartens gesteckt, und auch die Ausstellung selbst bedient sich technischer Raffinessen vom Feinsten. Interaktive Computer-Simulationen über die Entstehungsgeschichte der Grachten wechseln sich mit aufwändig von Hand modellierten Stadtpanoramen und Videoinstallationen über die topografischen Besonderheiten Amsterdams ab. Weil immer nur eine begrenzte Anzahl an Besuchern eingelassen wird, empfiehlt es sich, die Tickets vorab zu kaufen.

Dass das Het Grachtenhuis gerade zur rechten Zeit kommt, um als touristisches Zugpferd zu dienen, zeigt der Blick in den Kalender: Im übernächsten Jahr, 2013, feiern die Grachten ihren 400. Geburtstag. Dann, so hoffen die Stadtvorderen, sollen deutlich mehr als die alljährlich üblichen 4,6 Millionen Besucher durch die Straßen und Kanäle der holländischen Metropole schlendern und schippern - und der eine oder andere dürfte auch, so spekuliert Geld- und Ideengeber Krans, im Het Grachtenhuis einen Zwischenstopp einlegen.
Christian Preiser

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