Litauen

Postkartenidylle am Galves-See

Die Wasserburg von Trakai ist das Wahrzeichen Litauens. Foto: wikimedia

Die Wasserburg von Trakai lockt Bewohner und Besucher von Vilnius an

Wenn das Wort von der Postkartenidylle einen Sinn hat, dann im Städtchen Trakai, das 30 Kilometer von der litauischen Hauptstadt Vilnius entfernt liegt. Im schilfumrandeten Galves-See, einem der drei Seen rund um Trakai, spiegelt sich die mächtige Wasserburg des Ortes. Sie wird zu den meistfotografierten Gebäuden von Litauen gerechnet, denn sie ist nicht nur Stein gewordene Idylle, sondern auch das Wahrzeichen des Landes. Mit ihrem Bau wurde im 14. Jahrhundert begonnen, sie war Residenz der Großfürsten und vor allem militärisches Bollwerk gegen die Angriffe der Kreuzritter. Noch heute ist man in Litauen stolz darauf, dass die Burg diesem Ansturm standhielt, der 1410 in der Schlacht von Tannenberg ein für alle Male ein Ende fand.

So ist es für die auffallend vielen Hochzeitspaare, die im Sommer die Seepromenade von Trakai mit ihrer Entourage bevölkern, ein "Muss", sich mit der Burg im Hintergrund fotografieren zu lassen. Das gilt auch für die vielen Besucher aus Vilnius, Einheimische wie Touristen. Man erzählt sich in Trakai lachend, dass sich an Sonnentagen "halb Vilnius" zum Picknick nach Trakai aufmacht. Dann besticht der Ort durch eine geradezu südliche Atmosphäre. Für die deutschen Reiseveranstalter mit Vilnius im Programm ist der Trip ins Ausflugsstädtchen ein Standardangebot.

Die Burg von Trakai ist die einzige erhaltene gotische Wasserburg Europa. Aber das "erhalten" stimmt nicht ganz, sie wurde wiederaufgebaut, und zwar unter russischer Ägide und mit russischem Geld ab den 1950er Jahren bis 1987. Wie so oft ist vieles zu glatt gelungen, aber ab und zu - zum Beispiel im Großen Saal, in dem der Großfürst von Litauen Hof hielt - hat man weise darauf verzichtet, fantasievolle Ergänzungen vorzunehmen, wenn keine Vorlagen überliefert waren.

Wer die Burg mit ihrem prächtigen Innenhof, dem mächtigen Burgfried und den zu Museen umgewidmeten Nebengebäuden besucht und eifrig fotografiert hat, wendet sich einer anderen Attraktion des Städtchens zu. In Trakai leben noch 65 der rund 250 Karäer, die es in Litauen gibt. Sie wurden in der zweiten Hälfte des 14. aus der Krim kommend hier vom Großfürsten Vytautas mehr oder weniger freiwillig angesiedelt. Es handelt sich um eine jüdische Religionsgemeinschaft mit Anklängen aus dem Islam. Ihre farbig angemalten Holzhäuser stehen beisammen in einem Viertel von Trakai und sind an ihren drei Fenstern zu erkennen, die zur Straße gerichtet sind. Ein kleines ethnografisches Museum informiert über die Sitten und Gebräuche der Volksgruppe.

Zumindest ein Brauch ist erhalten geblieben und hat Einzug in die Küche des Landes gehalten: die Herstellung von Kybyn, mit Hammel- oder Rindfleisch gefüllte Teigtaschen. Besucher dürfen sie im karäischen Traditionsrestaurant Kybynlar unter Anleitung des jungen Patrons Arturas Lavrinovicius selbst herstellen. Das macht in größeren Gruppen viel Spaß, vor allem wegen der Schutzkleidung, die den Hobbyköchen das Aussehen von Chirurgen bei einer wichtigen Operation verleiht.
Horst Schwartz

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