Litauen

Auf Rädern durch Vilnius

Viele der früher über 40 Kirchen sind wieder als solche restauriert.

Aktiv in der und um die litauische Hauptstadt unterwegs

Das raue Klima hat Teile der Blätterskulptur mit Grünspan überzogen. Fotos: sps

Fast lautlos schnurren die dicken Gummireifen übers Pflaster, während ich entspannt an Altstadtfassaden, Straßencafés und einen Blumenverkäufer vorbeigleite. Wenige Minuten zuvor beäugte ich den Segway noch skeptisch: Eine brusthohe Stange mit Querstange, zwei dicke Reifen und dazwischen eine Metallplatte - darauf soll ich eine Stunde lang Vilnius erkunden? Wo, bitte, sind Bremse und Lenkung?

"Ihr steuert den Segway mit dem Körper", erklärt Guide Lena. Beim Probieren wackeln meine Knie. Das entpuppt sich sogar als Vorteil: Gut gefedert in den Knien lässt sich der fahrbare Untersatz durch kleine Gewichtsverlagerungen leicht um enge Kurven steuern.

Schnell erreichen wir die verwinkelte Altstadt. Gotische Kirchen, barocke Innenhöfe und klassizistische Paläste fügen sich in dem Unesco-Weltkulturerbe wie in einem Mosaik ineinander. 2009 war Vilnius Kulturhauptstadt Europas. Daher sieht man an etlichen Ecken frisch renovierte Fassaden und schmucke Schnörkel. Große, oft dreieckige Plätze verweisen auf das Fundament der Stadt. "Vilnius wuchs um Sumpfflächen herum", erzählt Lena.

Weiter geht es hinauf zum Tor der Morgenröte. Um Schwung zu bekommen, lehne ich mich mit dem Lenker soweit wie möglich nach vorn. Im letzten der ehemals zehn Stadttore beugen junge Frauen auf High Heels vor der vergoldeten Madonna genauso ehrfürchtig die Knie wie ein älteres, in gedeckte Farben gekleidetes Paar: Religiöse Riten haben nach der Sowjetära im litauischen Alltag mittlerweile wieder einen festen Platz.

Zügige Perspektivwechsel kennzeichnen den Weg, denn auf den Rollen lassen sich in kurzer Zeit größere Entfernungen gut bewältigen. Vorbei an der restaurierten Backsteinstadtmauer rollen die Segways übers Kopfsteinpflaster Richtung Künstlerkolonie Uzupis. In dem Viertel am Fluss haben viele Kreative ihr Zuhause. Luxuriös sanierte Häuser stehen in der ehemaligen Armenvorstadt mittlerweile neben Häusern, an denen deutlich der Zeitzahn nagt, durch Torbögen blickt man in grüne Hinterhöfe und immer wieder auf Galerien.

Heute finden in Uzupis Festivals der alternativen Mode sowie Kulturveranstaltungen wie Konzerte, Ausstellungen, Lesungen und Theateraufführungen statt. An einer Fußgängerbrücke über den Fluss ist das verschnörkelte Brückengeländer über und über mit Vorhängeschlössern behängt. "Hier schwören sich Liebespaare die Treue - manchmal hilft's", schmunzelt Lena. Wie bestellt tanzt in der Nähe eine Gruppe junger Frauen in festlichen Kleidern zu Technoklängen einen Reigen um eine Braut.

Bei der Tour zum Europapark verschwinden die Plattenbauten am Stadtrand nicht nur schnell aus den Augen, sondern auch aus dem Sinn. Vögel zwitschern, es duftet nach Wald und Moos. Knapp 20 Kilometer von der Hauptstadt der größten baltischen Republik entfernt verteilen sich zwischen Bäumen und auf Wiesen im "Europos centro monumentas" nahezu hundert Kunstwerke, darunter Arbeiten von Sol LeWitt, Dennis Oppenheim und Magdalena Abakanowicz.

Über Waldwege schnurren unsere Leihräder mitten durch dieses 55 Hektar große Open-Air-Museum zeitgenössischer Kunst. Vorbei geht es an mannshohen Mooskugeln, filigranen Netzkunstwerken, steinernen Stelen und einem Mühlenwagen aus Stahl. Mit dem Skulpturenpark verwirklichte sich der litauische Künstler Gintaraa Karosas einen Traum und setzte sogar dem geografischen Mittelpunkt Europas ein Denkmal.

Ob dieser tatsächlich hier oder doch ein paar Kilometer weiter weg ist, wo französische Kartografen ihn berechneten, ist in dem Kunsterlebnispark gar nicht wichtig. Die größte Installation unter freiem Himmel - Karosas "LNK Infomedis", ein Labyrinth aus Hunderten Fernsehapparaten - wurde sogar ins Guinnessbuch aufgenommen.Vilnius ist unter anderem bei Dertour im Programm. Weitere Informationen zum Europapark gibt es online unter http://www.europosparkas.lt.
Simone Spohr

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