Island

Auf den Spuren der Ausgestoßenen

In vielen Regionen Islands liegen die Höfe an den Straßen weit verstreut.

Unterwegs in den Höhlen im wilden Westen von Island

Vom einst geschäftigen Küstenörtchen Budir ist nicht viel mehr als diese Holzkirche geblieben. Fotos: ds

„Dort“, erzählt Snorri und weist auf den eisbedeckten Gipfel am Horizont, „dort flüchtete einer der Geächteten in die Berge, bis hoch auf den Gletscher.“ Snorri, halb Opernsänger, halb Natur-Guide, erzählt im Reykholtsdalur von den Gesetzlosen Islands – etwas nördlich vom „Goldenen Kreis“, der Pflichtstrecke für Erstbesucher. „Er war aber verletzt und kam nicht weit. Es war sowieso schwer, im Hochland zu überleben“, weiß Snorri. Für die meisten Isländer gelte noch immer das Sprichwort: „Wo kein Schaf ist, hast du nichts zu suchen.“

Das Tal Reykholtsdalur lockt wie viele Ecken der Insel mit dampfenden Quellen und malerischen Wasserfällen. Im Osten endet das Tal allerdings im kargen Lavafeld Hallmundarhraun, wo ein Vulkan vor 1.100 Jahren glühendes Gestein übers Land schob. Mehr als 50 Kilometer weit, voller Blasen und Falten. Fast überall in Island entstanden so Höhlen, die frühen Siedler nutzten sie teils als Viehunterstand. Manchmal lebten aber auch Menschen dort, wie Knochenreste verraten. Oft waren es Geächtete. Wie jene Bande, die im 10. Jahrhundert in der Surtshellir-Höhle lebte: „Sie stahlen den Bauern die Schafe, bis die die Nase voll hatten“, berichtet Snorri – im Kampf starben schließlich 18 der Ausgestoßenen.

Mitten in der kargen Lavalandschaft zwischen Flechten und Moosen öffnet sich plötzlich der Boden: zur Vidgelmir-Höhle, einer der größten der Welt. Auch in ihr fand man Knochen aus früheren Jahrhunderten. Dunkel ist es in der Tiefe, wer hinab will, braucht Helm und gute Schuhe, denn der Weg führt durch einen Trichter voll Felsgeröll – ein Seil gibt Halt, die Stirnlampen beleuchten jeden Schritt. Tiefer im Innern wartet eine verwunschene Welt aus Tunneln und Hallen, Stalaktiten und Eisformationen. Schaurig-schön für die Verfemten.

Manche waren tatsächlich Gauner. Andere hatten in Fehden jemanden erschlagen. Dann entschied in der ältesten erhaltenen Demokratie der Welt die Allmännerversammlung, wer welche Schuld trug und – zumindest für eine Weile – verbannt wurde. Erik der Rote etwa zog dadurch in die Ferne und entdeckte Grönland.

Der wohl berühmteste Verbrecher der isländischen Geschichte aber lebte ganz im Westen, auf der Halbinsel Snaefellsnes. Alle Landschaften Islands sind hier zu finden – vom Strand bis zum Gletscher, von der Klippenküste bis zum Vulkan. Nahe der Bucht von Budir, wo heute nur noch eine kleine schwarze Kirche und ein Hotel stehen, trieb Björn von Öxl, „Axlar Björn“, sein Unwesen. Er tötete mit der Zeit 18 Reisende, die in seinem einsamen Gasthaus einkehrten.

„1596 wurde er gefasst und zum Tode verurteilt“, berichtet eine Plakette am Straßenrand. Früher verzeichneten die Sagas die Mörder und Geächteten, heute sind Morde in Island fast nur noch in Krimis zu finden. Die Landschaft aber ist geblieben. Spazierwege ziehen sich über das Lavafeld. Auch zur Budahellir-Höhle – der Legende nach führt ein Tunnel von hier, mit Goldstaub bedeckt, direkt nach Surtshellir.
Dörte Saße

Kommentar schreiben