Irland

Durch gespenstische Schluchten

Mit dem Boot geht es über die Seen zum Ausgangspunkt der Wanderung. Foto: mb

Das Gap of Dunloe zeigt die karge Schönheit der Region

Kate Kearney wusste genau, was Männer wollen. Schön soll sie gewesen sein. Und gewieft. Um 1840 war sie im irischen Südwesten berühmt für ihren selbst gebrannten Kartoffelschnaps. Geschmeckt hat’s grauslich, aber stark war’s: ein Gebräu für harte Männer in harten Zeiten. Ihre Pinte, Kate Kearney‘s Cottage, gibt es heute noch in den Hügeln im Westen von Killarney. Dahin führt heute der Weg durch das „Gap of Dunloe“, eine elf ‧Kilometer lange, wilde Schlucht.

Die Tour startet morgens um halb elf am O’Connor’s Pub, einer urgemütlichen Kneipe im Zentrum Killarneys. Gebucht werden kann das Rundum-Sorglos-Paket mit Bus- und Boots-Transfer gegen den Uhrzeigersinn, oder, deutlich empfehlenswerter, mit ihm. Dann nämlich steht die Bootsfahrt gleich am Anfang. Das kleine Holzboot gleitet dahin, schubst die letzten Fetzen Morgennebel beiseite und passiert die kleine Brücke am Ende des Muckross Lake.

Die schmale Durchfahrt über nur ein paar Handbreit tiefes Wasser, einem Flaschenhals ähnelnd, trennt die beiden großen Seen des Killarney-Nationalparks von der kleinen Wasserstraße Long Range, die durch ‧Wälder und Wiesen hinauf zum Upper Lake mäandert. Die idyllische Bootsfahrt vom Ross Castle bis in die Berge führt in ein grandioses Wanderparadies: ins wildromantische Black Valley, rüber zum Ladies View und eben zum Gap of Dunloe.

Um halb zwölf legt der Kahn nahe dem Lord Brandon’s Cottage an. Die ehemalige Jagdhütte beherbergt ein Restaurant. Eine Stärkung empfiehlt sich, denn anschließend zieht der asphaltierte Weg schnurstracks steil hinauf zum Head of the Gap. Wer’s bequemer mag, nimmt ein Jaunting Car, eine Pferdekutsche, nach oben.

Der Wanderer hat mehr Muße, den unvergleichlichen Blick von der Kuppe zu genießen, die andere Seite ‧hinunter, in die enge, fast schon gespenstische Schlucht, die, gepresst in kahle Felswände, so alpin wirkt wie kaum ein anderer Fleck hier im Südwesten. In der Hochsaison wird’s voll, denn neben Fußgängern und Kutschen zieht’s auch Radler an – und die ganz Faulen quälen ihr Auto über die einspurige Straße.

Die führt – ein kleiner See links, ein anderer rechts, hie und da ein Brückchen – rund eineinhalb Stunden bergab. Im April oder Oktober ist das eine Bilderbuchidylle für Naturliebhaber. In der auf den ersten Blick karstig-kargen Steinwüste gibt es eine Vielfalt an Flechten und Farnen, an Rhododendren und Seerosen.

Mit ein bisschen Glück findet sich der eine oder andere Erdbeerbaum, ein feingliedriger Strauch, orangerote Früchte tragend – ein mediterraner Tupfer im schattigen Grün-Grau zwischen dem Purple Mountain im Osten und um den Carrauntoohil im Westen, dem mit 1.041 Metern höchsten Berg Irlands.Mit dem letzten der kleinen Seen kündigt sich die Zivilisation an: verfallene Steinhäuschen aus längst vergangenen Zeiten.

Und ein Stückchen weiter winkt dann auch schon die hübsche Kate. Aber nur vom Schild „ihres“ Gehöfts, in dem längst keine Rauf- und Saufbolde mehr herumlungern. Die heutige Kundschaft ist pflegeleichter: müde Wanderer, die bei Kaffee und Kuchen auf den Oldtimer-Bus warten, der sie gegen 16 Uhr zurück zu O’Connor’s Pub bringt. Weitere Informationen gibt es unter www.gapofdunloetours.com.
Michael Bauer

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