Großbritannien

Ein Schluck für die Engel

Mit dem Trekking-Rad am Strand von Ballycastle

Mit dem Trekking-Rad am Strand von Ballycastle

Nordirland überrascht mit einem engmaschigen Radwegenetz

Ein Mural genanntes  Wandgemälde in Derry/Londonderry

Ein Mural genanntes  Wandgemälde in Derry/Londonderry. Fotos: jw

Nordirland ist ein Paradies für Radfahrer. Über 1.000 Meilen ausgeschilderte Radwege des britischen National Cycle Network durchziehen die landschaftlich, kulturell und geschichtlich interessante Region. In den nordirischen Counties radelt man durch grandiose Landschaften mit steilen Klippen, karibisch blauem Meer und grünen Hügeln mit weißen Schäfchen-Punkten.

Norman Trotter vom Radreiseanbieter „Iron Donkey“ stattet uns mit Trekking-Rädern aus und wir radeln auf der Antrim Coast Road, dem Radweg 93. Hier windet sich die Straße die tief eingeschnittenen Glens (Täler) of Antrim entlang. Rechts liegt die See, links schroffe Täler, wispernde Palmen säumen den Wegesrand. Die Route ist wie alle britischen Radwege blau-weiß-rot ausgeschildert, und wir folgen ihr fast immer die Küste entlang ab Larne.

Regenwasser – Whiskeywasser
„Dort drüben liegt Schottland!“ Eine Touristin weist am Garron Point nach Nordosten hin. Mull of Kintyre ist ein Mythos, der nächstgelegene Teil Schottlands. An der schwankenden Seilbrücke, die vom Festland zu Carrick Island führt, singt eine Lady gar voller Verzückung Paul McCartneys Song zum Thema.

Steile Anstiege und rasante Abfahrten – da ist einiges an Kraft nötig, und so mancher Sprühregen verdirbt die Aussicht. Der Wind bläst, und am weit geschwungenen Sandstrand von Ballycastle vertreibt er die Wolken: kein Regen bis Bushmills! Durch die Bushmills Distillery führt Sam, ein Nordire in Warnweste mit blondem Kurzhaarschnitt. Sam erklärt, die Reifung eines Bourbon dauere drei bis sechs Jahre. In dieser Zeit verdunste ein Teil der Flüssigkeit aus den Fässern. „Das“, grinst Sam, „wird in Irland Angel’s Share genannt, ein Schluck für die Engel.“

„Londonderry sagen die nordirischen Protestanten, Derry die Katholiken“, erklärt Reiseleiter Norman. Touristen werden von beiden mit offenen Armen empfangen. „You are now entering free Derry“ bedeutet ein Monument an der Bogside. Hier kämpften einst Derrys Katholiken gegen die britische Armee.

In der Idylle der Sperrin Mountains
Hinter Derry folgen die verwunschenen Sperrin Mountains. Eine wilde und urige Landschaft: Enge Sträßchen sind von Holunderbüschen und mannshohen Farnen gesäumt. Moore, Heide, Flüsse und Seen säumen die Route. Der Radweg führt mitten hinein in die Idylle.

Zurück in Belfast geht’s auf eine „Belfast City Bike Tour“. Downtown ist Belfast heutzutage „in“. So mancher Brite, heißt es, fliegt fürs Wochenende hin, um sich zu amüsieren.

Oben in der Falls Road wohnen die Katholiken, in der Shankill Road die Protestanten. Hier fanden ab 1969 Auseinandersetzungen zwischen den Lagern statt. Auf Abstand gehalten werden sie heute noch durch meterhohe Peace Lines genannte Mauern. Wandbilder, Murals, bringen politische Inhalte zum Ausdruck. Inzwischen gibt es jedoch auch viele Wandgemälde aus neuerer Zeit, die den Frieden zum Thema haben.

Das stärkste Bild aber ist kein Gemälde, sondern ein lebendes: Mitten auf einem Plateau sitzt ein Mädchen im Schneidersitz auf dem Asphalt: helles Top, eine Schleife im Haar. Dahinter ein Wandbild mit einem angreifenden Mann. Sie spielt Flöte, eine liebliche Melodie. Sie lächelt.

Judith Weibrecht


Informationen im Internet
www.ireland.com
www.discovernorthernireland.com
Radwegeführer Nordirland: www.cycleni.com
Tourenanbieter Iron Donkey: www.irondonkey.com

Kommentar schreiben