Frankreich

Nach Schlemmen kommt Schlendern

Der gotische Papstpalast beherrscht das Stadtbild Avignons.

Der gotische Papstpalast beherrscht das Stadtbild Avignons.

Avignon: Monumentale Vergangenheit und lebensfrohe Gegenwart

Auf der Brücke wurde nie getanzt, immer nur unter ihr.

Auf der Brücke wurde nie getanzt, immer nur unter ihr. Fotos: cp

Amüsement und Lebensfreude statt klerikale Verklemmtheit: Avignon hat alles richtig gemacht. Die Päpste und ihre pastorale Entourage haben die Stadt längst verlassen. Die berühmte Brücke hingegen bittet nach wie vor zum Tanz. Wer die 90.000-Einwohner-Stadt in der südfranzösischen Provence heute besucht, lernt ihre beiden Gesichter kennen: Vergangenheit und Moderne.

Mittelalterlicher Papstpalast
Noch immer prägen die steinernen Relikte aus dem dunklen Mittelalter das Stadtbild. Gewaltig, grau und gruselig empfängt der Papstpalast aus dem 14. Jahrhundert die Besucher: monumentale Herrschaftsarchitektur par excellence.

Treppauf, treppab befinden sich in dem riesigen, wohl nicht nur im Winter eiskalten gotischen Gebäudekomplex dunkle Gemächer und fußballfeldgroße Speisesäle. Wer hat gesagt, dass Papst der schönste Job der Welt sei? Ach ja, der kurz danach geschasste SPD-Chef Franz Müntefering. Sozialisten haben von Religion eben keine Ahnung.

Dafür kennen sie sich im Savoir-vivre aus – siehe Altkanzler Gerhard Schröder. Auch hier ist die Parallele zu Avignon frappierend: Die Stadt ist voller Lokale, in denen ambitioniert gekocht wird. Das Mittelmeer ist nicht weit. Also kommt reichlich Frischfisch und Meeresgetier auf Tisch und Teller. Ein glücklicher Fisch wird im Wasser geboren und stirbt in Olivenöl, weiß ein Avignoneser Sprichwort.

Probierstunde in der Markthalle
Das gesamte kulinarische Spektrum der Provence offenbart ein Besuch in der mehr als 100 Jahre alten Markthalle Les Halles Centrales: Jeden Samstagmittag treffen sich hier die Küchenchefs der großen Restaurants von Avignon zum Schaukochen und Ausprobieren neuer Rezepte. Der gemeine Avignoner lässt sich da nicht lange bitten, langt tüchtig zu und genießt dazu ein Gläschen tiefroten Cotes du Rhone. Schließlich liegen Dutzende Weingüter in Steinwurfnähe direkt vor der Stadtmauer, darunter auch das wohl bekannteste Anbaugebiet im ganzen Rhone-Tal: Chateauneuf-du-Pape.

Nach Schlemmen kommt Schlendern. Ein voller Bauch braucht Bewegung. Für Fußgänger ist die Altstadt von Avignon ein komfortables Terrain: überschaubar, autoarm, leicht hügelig und vom Mistral meist gut durchlüftet. Schnell ist der Brückentorso des Pont Saint Benezet an der träge dahinfließenden Rhone erreicht. Wer hier das Tanzbein schwingen will, sollte wissen: Das Lied, wonach auf der Brücke Ringelreigen getanzt werde, leitet in die Irre. Stadtführer betonen, dass noch nie auf, sondern immer unter der Brücke – genauer: unter ihren Bögen – getanzt worden sei.

Theaterspektakel im Juli
Mit solchem historiografischen Kleinklein wird sich der Sommertourist in Avignon nicht lange aufhalten. Dafür ist keine Zeit. Immer im Juli tobt der Theaterbär durch die Straßen der Altstadt: Ob Groß- oder Kleinkunst, ob stundenlanges Bühnenspektakel im Papstpalast oder minutenkurze One-Man-Show an der Straßenecke – beim Festival d’Avignon jagt eine Vorführung die andere.

Bis zu 1.000-mal am Tag geht in der Stadt der Päpste der Vorhang hoch. Ein Marathon famoser Inszenierungen. Mögen die Messgewänder und Bischofsklamotten noch so farbenfroh sein – zeremoniell kann die katholische Kirche da nicht mithalten.

 

Steckbrief Avignon
Von Deutschland aus ist Avignon am besten mit der Bahn oder dem Flugzeug erreichbar. Seit 2001 hat die Stadt einen eigenen TGV-Bahnhof, in dem die Züge auf ihrem Weg von Frankfurt nach Marseille halten. Ein günstig gelegener Zielflughafen ist Marseille Provence.
Kulturfreunde dürfen sich das „Festival d’Avignon“ nicht entgehen lassen: Theater, Ballett und Konzerte vom Feinsten, unter anderem im Ehrenhof des Papstpalastes. Zur gleichen Zeit läuft das „Festival off“ in der Altstadt. Ansonsten locken Ausflüge in die grüne Umgebung – und nach Nimes, Arles, Orange und zum römischen Aquädukt Pont du Gard.

Christian Preiser