Bosnien-Herzegowina

Mostar: Über diese Brücke musst du gehn

Seit 2005 gehört die schlanke Bogenbrücke über die Neretva zum Weltkulturerbe

Die Stadt punktet wieder mit ihrer multireligiösen Vergangenheit

In der Altstadt von Mostar herrscht vor allem im Frühjahr und Herbst Hochbetrieb. Fotos: mw

Darko möchte springen. 19 Meter unter dem 18-Jährigen glitzert die Neretva in der Mittagssonne. Das zehn Grad kalte Wasser aus den Zelengora-Bergen an der Grenze zu Montenegro schreckt Darko ebenso wenig wie die reißende Strömung, die schon manchen Springer in Bedrängnis brachte. Noch aber springt er nicht. 

Denn noch haben sich nicht genug Sponsoren gefunden, die auch ein Trinkgeld für die mutigen Brückenspringer von Mostar springen lassen. Zu viel anderes gibt es zu sehen auf dem steilen, schlanken Brückenbogen, der heute wieder Tausende Besucher täglich in die Stadt lockt. Händler bieten beiderseits der Aufgänge bunte Taschen und türkische Tee-Services, Spitzenblusen und Gewürze an. Und auch das glatt polierte Pflaster auf den steilen Trittstufen verlangt Aufmerksamkeit. 

Mostar und seine Stari Most, die alte Brücke, sind seit jeher unzertrennlich. In Kroatisch, Serbisch und Bosnisch ist die Stadt nach eben jenen Wärtern benannt, die früher den Brückenzugang bewachten. Dass die Stadt mit ihren drei Ethnien nach dem Bosnien-Krieg ohne die zerstörte Brücke Frieden finden würde, schien ausgeschlossen. 2004 stand das Bauwunder wieder – rekonstruiert aus 1.088 alten und neuen Steinquadern mit Hilfsgeldern der Unesco, der Weltbank und der Türkei. 

Vor einem Jahrzehnt wurde die Brücke dann Weltkulturerbe – für Mostar ein Glücksfall. „Die Brücke hat uns wieder eine Zukunft gegeben“, sagt die junge Stadtführerin Dea und meint das gar nicht pathetisch. Nicht nur Brückenspringer wie Darko profitieren davon. Um die Brücke selbst hat sich ein florierender Fremdenverkehr entwickelt – und das mitten in einem Land, das mit lediglich 13 Kilometern Mittelmeerküste sonst abseits der Besucherströme liegt. Viele Touristen kommen von Dubrovnik, den Badeorten um Makarska oder aus Split für einen Tagesausflug in die Stadt. 

Das Hinterland der Adria zeigt sich dabei viel mehr als die Küste Kroatiens oder Montenegros wieder als Schmelztiegel der Kulturen. Teestuben und Hackfleischbrätereien vermitteln orientalisches Flair. Die prächtige Karadozbeg-Moschee aus dem 16. Jahrhundert wurde saniert und für Besucher geöffnet. Wer den steilen Aufstieg wagt, genießt von ihrem Minarett einen herrlichen Blick über das gesamte Tal. Vom anderen Ufer grüßt der neue Glockenturm der katholischen Franziskanerkirche. 

Auch aus dem Herrenzimmer eines alt-osmanischen Hauses unweit der Altstadt kann man den Fluss sehen oder zum Spaß der Umstehenden in die unförmigen Pluderhosen schlüpfen, die in früheren Zeiten hier Mode waren und alle Weiblichkeit verbargen.

Martin Wein

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