Estland

Hiiumaa: Eiffelturm und Bunker

Zu Sowjetzeiten war die estnische Insel Hiiumaa samt Strand Sperrgebiet

Die Ostseeinsel war Jahrzehnte Sperrgebiet

Der Historiker Urmas Selirand vor dem Tunnel zum Ex-Bunker der Roten Armee. Fotos: cb

Möwen schreien, Wildgänse schnattern, irgendwo in den Wäldern hämmert ein Specht. Kein Wunder, Estlands zweitgrößte Insel Hiiumaa (Deutsch: Dagö) ist die waldreichste Region des Baltenstaates.

Kiefern, Fichten und duftender Wacholder sorgen für ungemein saubere Luft. Als westlichster Vorposten der ehemaligen Sowjetunion war die Finnland und Schweden nahe Insel lange Sperrgebiet. Davon hat die Natur profitiert. „Hier ist seit 1941 alles unverändert geblieben“, meint Urmas Selirand während einer Natur- und Militärwanderung auf der Tahkuna-Halbinsel. 

Die Halbinsel ist vor allem für ihren 43 Meter hohen Leuchtturm bekannt, Estlands höchstem. „Er ist ein Eiffelturm, 1871 von der Regierung Russlands bei Ingenieur Gustave Eiffel bestellt“, verrät Geschichtsexperte Selirand, der 30 Jahre lang Direktor des Hiiumaa-Museums war. 

Weht es stark genug, erklingt an der Landzunge die Glocke des Denkmals für die mit der Estonia im Jahr 1994 untergegangenen Kinder, 35 Kilometer vom Ort des Fährunglücks entfernt.

Einsame Strände auf der Insel

Hiiumaas Badesaison von Juni bis Mitte September ist kurz, am Strand gibt es jede Menge Platz. Beim Gedanken an die Sowjetzeiten, als Besucher Passierscheine benötigten, gruselt es den Historiker: „Am Waldrand vor dem Strand war Stacheldraht.“ Vor Kurzem hat er im Wald eine Wand mit roter Karte der Sowjetunion mit der Aufschrift „CCCP“ ein viertes Mal restauriert.

„Das war der Paradeplatz der Roten Armee“, verrät Selirand. Keine 100 Meter entfernt markiert ein roter Sowjetstern den Eingang eines Tunnels zum Kommandobunker. „Hiiumaa-Katakomben“ nennen die Einheimischen dessen 37 Kammern, die der Historiker akribisch kartiert hat. 

Die Sowjets unterhielten hier bis zur Unabhängigkeit Estlands eine Radarstation und eine von drei Geschützstellungen auf dem Gebiet der Baltenrepublik. Unter drei Meter dicken Stahlbetonmauern ist es eng und unheimlich. Inständig hofft der Verteidigungsliga-Kommandant, „dass wir die Stellungen nicht mehr brauchen“. 

Eine Leiter führt hinab in die Kommandozentrale. Die Ausrüstung, darunter ein Periskop, haben die Russen beim Abzug demontiert. Licht ins Bunkerdunkel bringt ein Bild, das ein lettischer Soldat an die Wand gemalt hat. Es zeigt Tahkunas Leuchtturm im Sonnenschein.

Der Weg aus den Sowjets-Hinterlassenschaften führt durch die Duschen. Bei Schnee dient die Bunkerdüne den Inselkindern als Rodelbahn. „Im Herbst kann man hier Blaubeeren sammeln“, schaltet Selirand von Militär- auf Naturwanderung um.


Mehr über Hiiumaa

Nähere Informationen finden Sie unter www.visitestonia.com und www.hiiumaa.ee. Da die drei Inselhotels nur über knapp 50 Zimmer verfügen, empfiehlt sich ein Ausweichen auf die größere Nachbarinsel Saaremaa (www.visitsaaremaa.ee/en). Führungen veranstaltet Urmas Selirand, Telefon 0 03 72 / 5 08 / 36 48, urmas.esimene(at)mail.ee. Im Sommer ist Mückenschutz unbedingt empfehlenswert.

Christian Boergen

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